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SVV - Selbstverletzendes Verhalten

::: von "PIA" :::

Ich glaube, es fing an, als ich 12 Jahre alt war. Sicher bin ich mir allerdings nicht!

Ich kann heute auch nicht mehr genau sagen, wieso ich damals so reagierte, aber ich war allein zu Hause und las das Buch „Rote Linien" von Brigitte Blobel. Ich weiß nicht mal, wieso ich es mir in der Bücherei ausgeliehen hatte. Ich weiß nur, dass ich in der Küche saß, das letzte Kapitel beendet hatte und darüber nachdachte, was es wohl für ein Gefühl ist, sich selbst zu verletzen. Also nahm ich mir ein Brotmesser und verletzte mich. Ich dachte, es würde mehr weh tun!

Der Schmerz war kaum da, also dachte ich mir, dass der bekannte Satz „Salz in die Wunden streuen" wohl ein "besseres" Ergebnis erzielt.

Ich kann heute echt nicht mehr sagen, was weiter geschah, aber ich machte weiter damit. Fand Gefallen daran. Es drehte sich alles nur noch darum, womit man sich wo am besten verletzten kann. Wenn meine Arme weh taten, konnte ich am besten einschlafen. Mir ging es nicht um Blut oder so. Nur um den Schmerz und um die Narben, die blieben.

Ich redete mit meiner besten Freundin darüber. Sie hatte schon immer einen Machtkampf mit ihren Eltern und bekam Gefallen daran, sich kleine Kratzer zuzufügen und es auf ihre Katze zu schieben. Irgendwann war ihr dieses Spiel zu langweilig und hörte auf damit.
Ich nicht.

Ich spielte nicht, denn sonst wusste es keiner. Ich war süchtig nach dem Schmerz. Machte es überall. Schulpausen, vor der Schule, zu Hause, morgens, Abends, immer.

Dann entdeckte ich das Internet für mich. Fand ein Selbsthilfe-Forum und verbrachte den ganzen Tag damit darin zu lesen, zu schreiben, mit den Leuten zu chatten, etc.

Ich isolierte mich, ging nicht mehr raus, wurde immer unzufriedener mit mir, wurde depressiv.
Fand mich zu dick, zu unnormal, zu anders.

Ich lernte dort jemanden kennen, verliebte mich. Er war 6 Jahre älter als ich. Zu der Zeit war ich 15. Mitten in der Pubertät.
Wir trafen uns, waren insgesamt ein dreiviertel Jahr zusammen. Er war krankhaft Eifersüchtig. Auch SVV´ler.

Er nahm sich was er wollte, schlief mit mir, auch wenn ich nicht wollte. Wenn ich mich mal traute "nein" zu sagen, ritzte er sich vor meinen Augen und gab mir die Schuld.

Er wohnte weiter weg, was mir den Mut gab, mit ihm Schluss zu machen.
Ich erkannte die "schönen" Seiten von Alkohol. Trank abends, wenn meine Eltern schliefen, war oft nicht nüchtern in der Schule.
Ein Lehrer sprach mich mal an, ob es sein kann, dass ich manchmal nicht ganz nüchtern wäre. Die Ausrede, ich sei nur müde, reichte ihm.

Ich habe eine behinderte Schwester und war deshalb ab und zu mit meiner Familie auf Seminaren für Familien mit behinderten Kindern.
Es gab auch Wochenenden mit Geschwisterseminaren. Einmal war ich auch dort dabei.
Zufälligerweise ging es um SVV. Das Kinder mit behinderten Geschwistern mehr dazu neigen, etc.
Ich vertraute mich einem anderen Teilnehmer an. Und er erzählte es sofort den anderen. Hätte ich das gewusst...

Großes Trara, Mitarbeiterbesprechung, etc pp.

Mir war das mehr als unangenehm.
Meine Eltern wussten davon nichts. Bis irgendwann ein Brief an meine Eltern von der Leiterin kam.
Nichts geschriebenes, keine Erklärung. Nur ein Anmeldeformular für eine Jugendpsychiatrie.
Meine Eltern fragten nicht. Sie füllten es einfach nur aus. Und im Sommer, als ich 16 war, fand ich mich dort plötzlich wieder.
Ich wurde nicht gefragt und gesprochen wurde auch nicht mit mir. Jeder dachte, es wäre alles geklärt.
Meine Eltern dachten, ich hätte das mit der Leiterin besprochen und die Leiterin dachte, ich hätte es mit meinen Eltern geklärt.

Dort kam ich mit einer Anorexie-Patientin auf ein Zimmer. Ich fühlte mich wahnsinnig fett neben ihr.
Fing an zu erbrechen, fühlte mich einfach nur grausam.
Nicht nur, dass ich mich unheimlich fett fand. Ich war in einer Klapse. Dabei wollte ich doch einfach nur normal sein!
Das konnte ich ja jetzt wohl vergessen...

Als ich im Winter wieder rauskam, war mein Ruf weg. Kleinstadt - jeder weiß alles, Getratsche, etc. Es war der Horror.
Die Zeit brachte mir übrigens gar nichts. Es machte alles nur noch schlimmer.
Ich wollte jemand anderes sein, ich wollte nicht erwachsen werden, ich wollte kein Mädchen sein, ich wollte einfach nur verschwinden.
Fing an mit kiffen, trank wieder sehr viel, fand die falschen Freunde.

Ich bekam Antidepressiva, die bald eingetauscht wurden in Ritalin (Das einzig gute in der Klinik: Man diagnostizierte ADS. Das erklärte für mich schon einiges.) Ich fühlte mich besser, als vorher.

Habe einen Schlussstrich gezogen, mich von falschen Freunden getrennt, weniger getrunken und aufgehört zu kiffen. Süchtig war ich nicht.
Ich kam in der Schule wieder mit, meine Noten verbesserten sich.
Die Sprüche "Streber", etc. bestärkten mich. Wenigstens in einem war ich gut.

Ich wusste nicht, was ich beruflich werden wollte, also beschloss ich, meine Fachhochschulreife zu machen.
Es lief gut. Doch kurz vor den Prüfungen meinte mein Arzt, ich müsse ein Tabletten-Stop machen. Um zu gucken, ob es jetzt ohne geht.
Die Katastrophe begann. Eine Klausur nach der anderen verhauen. Mein Abschlusszeugnis endete mit zwei Fünfen in Hauptfächern.
Dennoch sollte ich erst mal keine mehr bekommen.

Ich bekam eine Ausbildungsstelle (ich bewarb mich überall, da ich immer noch nicht wusste, was ich machen wollte) und zog von zu Hause aus.
Ich war total unorganisiert, machte sehr viele Fehler und vergas wichtige Sachen. Chef war unzufrieden und kündigte mir in der Probezeit.
Da ich umgezogen war, suchte ich mir einen anderen Arzt, schilderte ihm meine Situation und wurde wieder auf die Tabletten eingestellt.

Doch mein Selbstbewusstsein war hinüber. Ich gab nicht dem ADS die Schuld. Es lag an mir, meiner Persönlichkeit, meinem Aussehen.
Ich wurde wieder depressiver, mir fiel die Decke auf den Kopf... Fing an zu hungern und nahm 25kg ab.

Mittlerweile geh ich wieder zur Schule, suche einen Ausbildungsplatz und arbeite nebenher, da ich ja alleine wohne.
Mein Problem ist immer noch mein Selbstbewusstsein. Ich weiß, dass ich nicht mehr abnehmen muss (55kg bei 1,70m), doch mein Problem dabei ist nicht, dass ich nicht essen will, sondern, dass ich es nicht hinbekomme, wieder vernünftig zu essen.
Ich kann backen und kochen. Aber ich wohne nun schon fast 2 Jahre hier und habe erst 4 mal gekocht.
Ich weiß nie, was ich kochen soll, kann mich nicht entscheiden und lass es dann.
Wenn man im Internet Esspläne sucht, findet man nur Esspläne zum Abnehmen.
Ich bin immer noch sehr unzufrieden mit mir. Allerdings weiß ich selber, dass ich nur eine verzerrte Wahrnehmung habe.
Ich glaube, ich kann mich mittlerweile gut genug einschätzen. Ich weiß, dass ich meinem Urteil nicht trauen kann und darf.

Ich habe viele Aspekte außen vor gelassen, sonst wär der Text noch viel länger geworden.
Ein großer Teil, den ich weg gelassen habe, sind Zwangsstörungen, Panikattacken, entwickelte Phobien.
Doch ich denke, dass ich viel mit mir selbst ausmachen kann. Sie gehören noch zu mir, aber ich denke, ich kann halbwegs damit umgehen.

Ich bin mittlerweile nicht mehr in Therapie, bekomme meine Tabletten vom Hausarzt.
Das einzige, womit ich zur Zeit nicht zurecht komme, ist mein Essverhalten. Ich weiß, was ich falsch mache, fühle mich aber nicht in der Lage es selbst zu ändern.


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