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::: von "B.D." :::

Ohne Nadel im Heuhaufen - Erfahrungen eines Klienten

Morgens, um sieben...

Morgens, um sieben. Schwitzend verteilt Thomas Heu und Kraftfutter im Stall. Fachmännisch und zügig. Zwischendurch raucht er schon mal eine Zigarette, weil es guttut, aus dem heißen Stall an die frische Luft zu gehen. Trotzdem sieht man sofort: Der ist nicht von hier. Lange Haare, tätowierte Oberarme, Turnschuhe, knallrote Leggins, Kopfhörer und Walkman.

Der 32jährige lehnt auf seiner Heugabel: „Sehen, wie 80 Kühe tierisch in sich reinfressen, und du hörst dabei Heavy-Metal - das ist obercool.“ Klar wäre die Bäuerin beruhigter, wenn er was Klassisches hören würde, oder besser noch seine Arbeit ohne „des Gedudel“ erledigen würde. „Aber die hält das schon durch“, sagt er und lacht.
Thomas ist keine polnische Hilfskraft, kein Praktikant oder deutschstämmiger Brasilianer, der auf dem Reitbetrieb lernt und hilft. Thomas ist ein ehemaliger Drogenabhängiger, der aus einer ganz anderen Region Deutschlands in den Neckar-Odenwald-Kreis gekommen ist, um bei Therapie auf dem Bauernhof (TAB) zu lernen ohne Drogen zu leben.

„Die zeigen mir, dass ich gebraucht werde.“ Mehr als acht Jahre hat Thomas wegen Drogenmissbrauch und Beschaffungsdelikten schon im Gefängnis gesessen. Bei seiner letzten Verhaftung vor einem Jahr dachte er, dass war’s wohl.

28 Monate Gefängnis standen ihm bevor. Doch ein milder Richter ließ bei Thomas §35 des Betäubungsmittelgesetzes gelten. „Therapie statt Strafe“ hieß die Möglichkeit, die es Thomas erlaubte, dennoch seine Therapie zu beginnen.

Thomas hält nichts von Therapien, „bei denen man den ganzen Tag mit anderen Junkies rumhängt, sich „heiß redet“ und an nichts anderes denkt, als an den nächsten Schuss“.

Drei dieser Psychotherapien hat er schon gemacht, dreimal wurde er wieder rückfällig - einmal ein Junkie, immer ein Junkie. „Aber der Richter war echt korrekt. Eigentlich hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, dass das mit dem 35iger noch was wird.“ Auch wenn der Tag hier auf dem Bauernhof zu einer Zeit beginnt, zu der Thomas früher ins Bett fiel. Auch wenn er nur einen Tag in der Woche frei hat. Auch wenn er, wie jetzt jeden Tag morgens die Kühe füttern und ausmisten muss. Thomas fühlt sich akzeptiert: „Die zeigen mir, dass ich gebraucht werde.“

Ein Drogenabhängiger auf unserem Hof ?

Betriebsleiter Müller war wenig begeistert, als ihn der Sozialtherapeut Bernd Dreger für die Mitarbeit bei TAB gewinnen wollte. Betriebsleiter Müller hatte durch einen Brief, den er von TAB erhalten hatte von dem ungewöhnlichen Vorhaben erfahren, einen ehemalig Drogenabhängigen für auf einem bäuerlichen Betrieb Therapie machen zu lassen. Bei einem ersten Besuch des TAB-Mitarbeiters auf seinem Hof hatten er und seine Familie dann viele Fragen und eine Menge Vorbehalte: „Wir konnten uns zuerst überhaupt nicht vorstellen, wie das laufen soll. Ein Drogenabhängiger auf unserem Hof?

Wir kennen Drogenabhängige bloß aus dem Fernsehen. Da sehen sie immer sehr dreckig aus, sind abgemagert, schlafen unter ‘ner Brücke, sind kaum ansprechbar und haben ‘ne Spritze im Arm. Mit denen kannst’e doch nichts anfangen, die zünden uns ja noch unsere Scheune an.“ Der TAB-Mitarbeiter mussten bei dem ein oder anderen Landwirt schon eine ganze Portion Überzeugungsarbeit leisten bis sie bereit waren sich auf dieses „Wagnis“ einzulassen: „Diese sehr allgemeinen Vorstellungen von Drogenabhängigen sind uns öfter begegnet.“ Dabei sind die Klienten so verschieden, wie anderswo auch. Es bewerben sich bei uns handwerklich ausgebildete Leute, die auf eine lange Berufspraxis zurückblicken, aber auch solche ohne Schulabschluss. Manche sind aus Neugier an Drogen geraten, andere durch Freunde oder Schicksalsschläge. Teilweise besteht noch Kontakt zur eigenen Familie, in anderen Fällen wieder nicht.“ Zur Freude des TAB-Mitarbeiters entschloss sich Familie Müller nach einer Woche „Bedenkzeit“, einen Klienten bei sich aufzunehmen.

Klar, dass es auch mal Schwierigkeiten gibt.

Als Thomas dann Ende Oktober mit seinen langen Haaren, hängenden Schultern und seinen 65kg vor ihm stand, sah der Betriebsleiter erst mal schwarz: „Der ist ja so dünn, dass ihn der Wind wegpustet. Was kann der denn schaffen? “Thomas nahm’s gelassen: „Am Anfang musste ich öfter Pause machen. Die Arbeit war zu schwer, der Tag viel zu lang. Doch dann nach zwei, drei Monaten machte es mir echt Spaß. Dann bekam ich die Verantwortung für die Kälbchen und habe das erste Mal bei der Geburt eines Kalbs mitgeholfen.“ Thomas strahlt übers ganze Gesicht.

Auch Landwirt Müller freut sich: „Am Anfang sah’s ja nicht so gut aus mit dem Thomas. Aber mittlerweile kann ich mich auf ihn verlassen und anpacken kann er auch.“ Doch es lief nicht immer so glatt. Thomas wollte schon mehr als einmal seine Therapie abbrechen: „Klar, dass es auch mal Schwierigkeiten gibt. Wenn ich früher andere enttäuscht habe, oder andere mich enttäuscht haben, dann bin ich immer abgehauen. Doch hier wollte ich es anders machen. Letzte Woche hab ich drei Kühe falsch gefüttert. Die haben dann deswegen Koliken bekommen und eine ist daran gestorben. Das war‘n Scheißgefühl. Am liebsten wäre ich sofort abgehauen, gepackt hatte ich schon. Aber nach dem Gespräch mit meinem Betreuer und dem Landwirt bin ich dann doch geblieben. War die richtige Entscheidung“.

Nach einem „beschissenen Leben“, jetzt auf dem richtigen Weg Aber noch etwas anderes macht Thomas zu schaffen: Vor drei Jahren hat er erfahren, dass er an Hepatitis C erkrankt ist. Eine Lebererkrankung, gegen die es bisher kein Medikament gibt. Acht von zehn Drogenabhängigen haben sich, meist durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen, mit dieser Krankheit angesteckt. Dies ist etwas, was Thomas immer wieder aus der Fassung bringt: „Das ist unheilbar. Wird es chronisch, kann es tödlich sein.“ Thomas wirkt nachdenklich und traurig. „Das ist etwas, womit ich nicht klar komme. Mein Leben ist eh ziemlich beschissen verlaufen und dann auch noch das.“

Aber Thomas will nicht wieder aufgeben.

Sein Entschluss clean zu leben ist ihm wichtiger denn je. „Das eine Jahr Therapie auf dem Bauernhof bei Familie Müller hat mir gezeigt, wie geil ein Leben ohne Drogen sein kann. Ich werde schon noch Hilfe brauchen, um nicht wieder in alte Lebensmuster zu kommen, aber ich denke, es ist der richtige Weg!!“ Thomas, der alle Gifte dieser Welt geschluckt, geraucht, gespritzt hatte, hielt die Therapie durch. Über Beziehungen des Landwirtes fand Thomas einen Job und eine eigene Wohnung.

Und nun......? Ende gut, alles gut? Thomas lacht: „Schön wär’s ja. Ich denke, das wird noch ‘nen bisschen dauern, aber ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben wohl.“ Thomas ist sich sicher: „Hier ist man viel mehr in die Familie eingebunden. Gerade durch die Disziplin, die hier alle haben und die Menge an Arbeit, habe ich gelernt, wie wichtig die Leistung jedes Einzelnen ist und dass ich das auch wieder kann. Und ich hatte immer jemanden zum Reden, wenn es mir mal nicht so gut ging. Es war kein leichter Weg, aber ich habe TAB und der Familie viel zu verdanken.“

Ende

Weitere Infos zu Therapie auf dem Bauernhof

[Wir sind begeistert von dieser Therapieform und werden zu diesem Thema Anfang Januar eine eigene Rubrik einrichten. Wahrscheinlich würde solch eine Auszeit jedem Großstädter gut tun. Team Sonderglocke]

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