::: von "Exzessa" :::
Ich wollte frei sein...
Alles fing so mit der Pubertät an... Eigentlich war ich nie zufrieden mit mir selber, eher hasste ich mich für mich.
Mit elf Jahren rauchte ich das erste Mal Zigaretten, aber eigentlich nur aus dem Grund um „cool“ zu sein... Vom ersten Zug der Kippe wurde mir total schwindelig...
Freundinnen hatte ich viele aber den sehnsüchtigen ersten Freund bekam ich zu der Zeit nicht, da ich ein paar Kilos zu viel drauf hatte. Ein Selbstwertgefühl bekam ich dadurch erst recht nicht und manchmal glaube ich sogar dass ich nie eines hatte... Der Hass über mein Aussehen brachte mich zum Verzweifeln...
So etwa mit 12 schmiss ich mir das erste Mal zwecklos haufenweise Tabletten in mich rein die bei uns zu Hause rumlagen und meist meiner Mutter gehörten, die aufgrund ihrem Knie starke Schmerztabletten nehmen musste.
Niemand bemerkte etwas.
Mit 14 sah ich auf einmal ganz anders aus. Zum ersten Mal gefiel ich mir annähernd. Das alles hatte auch seinen Preis. Ich ernährte mich ungefähr einen Monat lang mit Tütensuppen – jeden Tag ein Teller Suppe... Und falls ich mal einen Heißhunger bekam, über den ich mich im Nachhinein natürlich aufregte, steckte ich mir einfach den Finger in den Hals.
Zum ersten Mal wurde ich „gesehen“. Ich war nicht mehr dass kleine hässliche Entlein dass sich nichts traute und bloß nicht auffallen will, auf einmal war ich was anderes und es gefiel mir. Aus dem ruhigen Mädchen wurde eine temperamentvolle sehr junge Frau.
Mit 14 rauchte ich das erste Mal einen Joint mit zwei Jungs von denen ich wusste dass sie kiffen, weil ich neugierig war.
Es war aber enttäuschend, da es absolut nicht wirkte. Bei mir wirkte es am Anfang so gut wie gar nicht.
Da meine Verwandten in der Schweiz wohnen bin ich oft in den Ferien bei ihnen, dadurch lernte ich auch meine erste große Liebe M. kennen.
Als ich 15 war, war ich mal wieder zu Besuch im Wallis. Ich traf mich mit M. und wir rauchten wieder eine Tüte – nur dieses Mal wirkte es auch. Ich war das allererste Mal breit und es gefiel mir...
Zurück in Deutschland kiffte ich mit meiner damaligen Seelenverwandten C. stets weiter und härter als davor. C. ging in meine Klasse und wir waren auch in der Freizeit unzertrennlich, vor allem das Kiffen verband uns.
So fing die ganze Scheiße an...
Erst nur am Weekend, dann unter der Woche, dann vor bzw. während der Schule und nach kurzer Zeit regelmäßig – der Joint war wie ne Zigarette. Mit C. unternahm ich viel und wir hatten immer sehr viel zu Lachen. Ich vermisse diese Zeit denn da war eigentlich alles noch in Ordnung.
Mit 16 war ich mal wieder im Urlaub in Kroatien. Dort lernte ich drei Jungs kennen die auch aus Deutschland kamen und verbrachte meine ganzen drei Wochen mit ihnen und in ihrem Ferienhaus. In einer Nacht machten wir uns auf zur Disco, davor gab es was Weißes zu ziehen. Ich wusste nicht was das war aber ich zog es trotzdem in meine Nase. Speed.
Danach kaufte ich mir ein XTC-Teil bei einem einheimischen Kroaten der uns öfters Gesellschaft leistete. Es war ein weißes Smiley mit braunen Flecken. Ich schluckte es und dann gab es Alkohol zum Runterspülen und so ausgestattet machten wir uns auf den Weg in die Open-Air-Disco am Strand. Die ganze Zeit wartete ich darauf dass mit mir endlich was passieren würde aber als es dann anfing zu wirken war es einfach nur wunderschön.
Die Musik klang auf einmal anders, die Leute kamen mir alle so symphatisch vor und aus mir schoss das Glück nur so heraus, auch wenn es mir manchmal etwas schwarz wurde vor Augen und ich auch paar Mal zusammen gesunken bin. Das war der Fehler – es hätte mir nicht gefallen sollen.
Als ich nach Hause kam sah ich mein Gesicht und bekam vor meinen eigenen Augen Angst, diese Saugnapfpillen hatte ich noch nie bewusst gesehen.
Nach diesem Erlebnis war ich noch ein paar Mal drauf im Urlaub.
Wieder zurück in Deutschland schmiss ich mir noch einige Male XTC, dann war erst mal ne Pause mit Chemie.
Im Dezember 04 gings dann wieder los mit chemischen Substanzen, Cryztal probierte ich auch das erste Mal...
Im Februar 05 kam ich mit einem Jungen namens S. zusammen der mich eigentlich noch weiter in die Scheiße zog... Mit gemeinsamen „Freunden“ dröhnten wir uns jeden Tag zu, besonders eben an den Wochenenden. Wir veranstalteten richtige „Pep-Parties“ die nächtelang gingen... Wir hatten viel Spass und wir waren frei aber dass ist das alles nicht wert....
In den darauffolgenden 8 Monaten war ich seelisch tot. Ich lebte wirklich nur noch für Drogen, die Gedanken kreisten sich nur da drum und die Befriedigung lag auch darin irgendwas zu nehmen. Hauptsächlich konsumierte ich XTC, Speed und „natürlich“ Cannabis, Koks oder Cryztal gab es ab und zu.
Ich hätte alles genommen... In Notsituationen griff ich oft zur Deoflasche und inhalierte...
In die Schule ging ich auf Pep weil ich anders nicht mehr aus dem Bett kam...
Der Bekanntenkreis weitete sich natürlich aus, auch mein Musikgeschmack änderte sich, auf einmal hörte ich Techno, Trance, Goa und Schranz neben Rap und Hip Hop.
Es war irgendwie geil immer am Start zu sein, das gab mir irgendeine Bestätigung die ich mir heute nicht mehr erklären kann...
Meine Gesundheit litt total darunter, ich erbrach oft, konnte tagelang nix essen, brach zusammen und meine Lunge verkraftete das ewige Bong rauchen nicht mehr.
Auch meine Nerven lagen blank. Ich war zum Schluß richtig nervlich am Arsch, war aggressiv und total depressiv, auch gegenüber meinen Eltern. Einige Nervenzusammenbrüche lagen hinter mir.
Eigentlich war ich immer sehr gehorsam und ehrlich zu meinem Vater und auch zu meiner Mutter gewesen, aber aufgrund des Drogenkonsums scheißte ich richtig auf sie.
Ich kam nach Hause wann es mir passte, gab nur Kontra, liess sie nicht mehr an mich heran, war total aggressiv und brachte sie somit zur Verzweiflung.
Nachdem ich auch noch LSD probierte war mein Kopf total zerstört. Selbst danach hatte ich noch Wahnvorstellungen.
Aufgrund der nervlichen Zerstörung war ich im September 05 das erste Mal bei ner Drogenberatung weil ich nicht mehr konnte, aber auch nach den Gesprächen wurde ich rückfällig.
Bis ich in eine Entgiftung ging. Dort war ich zwei Wochen nur auf mich gestellt. Ich habe sehr viel über mich erfahren und habe auch sehr interessante Menschen kennengelernt. Die Entgiftung ist jetzt knapp zwei Wochen her und ich bin immer noch clean.
Mir ging es schon lange nicht mehr so gut wie jetzt, auch wenn ich mich manchmal einsam fühle da es die sogenannten vielen „Freunde“ nicht mehr gibt.
Auch meine Eltern waren bei der Drogenberatung und haben nun eingesehen dass ich ein Problem habe und sie stehen hinter mir und tun alles erdenkliche für mich um mir ein Gefühl der Geborgenheit zu geben. Auch einige Freunde wissen was los ist und halten zu mir. Das macht mich ehrlich glücklich.
Ein Psychologe hat mir Zyprexxa verschrieben da ich nun eine Identitätsstörung habe. Ich nehme die Tabletten da ich weiß dass sie mir helfen.
Im Moment erziele ich mein Fachabitur dass ich vorraussichtlich im Juli 06 nach den Prüfungen erhalten werde.
Ich bin nun 17 Jahre alt und wünsche mir ein ganz normales Leben ohne diesen Exzess den ich, für mich eine sehr lange Zeit, gelebt habe.
„In Worte schwer zu fassen, doch der Gedanke es zu hassen gibt mir die Kraft es zu lassen“
[Liebe Exzessa, wir danken Dir sehr für Deine persönliche Geschichte und wünschen Dir für die Zukunft nur das Aller-Aller-Beste - Liebe Grüße, Team Sonderglocke]
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