von "Striezi"
Sucht?! Nur ein Profi sollte sich dazu äussern dürfen. Psychologen, Doktoren und Experten sind meist nur Theoretiker. Die Lösung für Dein Suchtproblem mußt Du schon selbst suchen. Ich versuche Dir mit meiner Geschichte einen möglichen Weg aufzuzeigen.
Der Verlauf einer Säuferkarriere soll hier nicht langweilen sondern nur die Aussage, "kein richtiger Alkoholiker", oder eben doch, ermöglichen. Wann es begann weiß ich nicht mehr. War es der erste große Schluck Schnaps als Kleinkind, aus Versehen in einer Sprudelflasche deponiert? Waren es die ersten Martinis als Jugendlicher mit etwa 15 Jahren? Die ersten Räusche als Azubi mit etwa 17 Jahren? Alles Quatsch. Der Alkoholismus steckt nicht in einer Flasche, sondern in Dir. Die Erklärung kommt später.
Meine Räusche konnten sich jedenfalls unter Gleichgesinnten sehen lassen. 1 Kiste Bier morgens holen während ich mein Mädel zur Arbeit fuhr. Wenn ich sie abholte von der Arbeit dann eine weitere Kiste holen. Davon brauchte ich aber nur noch ein, zwei Fläschchen. Inkontinent wie ein alter Mann. Waschen oder Zähne putzen? Wozu? Im Stadtpark mal auf der Parkbank pennen, das ist doch richtig scharf. Notarzt und Notaufnahme kenn ich auch schon mehrfach und das Gerede von "sie sollten einen Entzug machen" auch. Wenn Geld, dann von einer Kneipe in die nächste. Irgendwann weiß ich nicht mehr wo habe ich denn schon anschreiben lassen.
Die lieben Verwandten sind alle am meckern. Du säufst zu viel. Komisch. Wenn sie mich zum Arbeiten brauchen, gibt es Bier so viel ich will. Halte Dir Deinen Alkoholiker immer schön feucht, damit er funktioniert. Bei Familienfesten bin ich dann schon eher peinlich.
Dann wird es irgendwann mit der Arbeit eng. Diese blöden Meister verstehen einfach nicht, daß mein Level um 9:00 Uhr nachgefüllt werden muß. Also kommt die Arbeitslosigkeit.
Alles Sch.... . Als Profi weiß man eben, daß der Brand am Morgen am besten mit einem Bier bekämpft wird. Da sind dann auch gleich diese gräßlichen Kopfschmerzen weg. Denn ersten Schluck gleich in hohem Bogen wieder ausgespuckt und den Rest Abendessen, aber der zweite Schluck kommt innerhalb weniger Sekunden. Sobald das würgen aufhört.
In einem leicht angesäuselten Zustand zertrümmere ich eine Glastür und verletze mich sehr schwer. Mit Mühe bringen mich die Ärzte durch. Jetzt muß er es begreifen. Die liebe Verwandtschaft. Du bist nun auf Lebzeit behindert. Du wirst nie mehr Akkordeon spielen. Dein Beruf als Werkzeugmacher kannst Du vergessen. Ich werde es den Pennern schon zeigen. Ich sauf weiter, auch in den Krankenhäusern. Da trifft man richtig gute Kumpels. Jeder hat immer etwas Geld. Jeder hat ne Macke. Bewerbungen laufen wirklich nicht mehr, aber ich bin 18 Monate krank geschrieben, vielleicht läuft das ja später.
Noch nicht einmal das hat geholfen. Jetzt ein abgesoffener Krüppel.
Irgendwann habe ich dann auf Druck von Ärzten , Verwandten und meiner Freundin in eine Therapie eingewilligt. Vielleicht aber auch hier einfach ein lichter Moment, eine Zeit des Erkennens.
Da endlich. Meine langjährige Freundin wird schwanger. Das vereinfacht die Sache mit dem "trocken" bleiben. Heiraten, ein zweites Kind. Das klappte dann auch einige Monate, Jahre recht gut. Zwischendurch immer wieder mal Ausrutscher. Wenn meine Partnerin mal wieder etwas neues anfing, Tupper, Herbalife, Yves Roche, Zeugen Jehovas, Kapitalvertrieb, anderen Quatsch im Bereich Religion oder MLM. Nur mal ein Bier geht nur ein Tag. Am nächsten Tag kommt dann der große Durst. Aber dieses Quartalssaufen dauert nie lange, ich krieg immer wieder die Kurve. Irgendwann so mit Anfang 40 gibt's dann Herzprobleme. Es gibt noch viel mehr zu erzählen, aber es soll ja eine Hilfe werden.
Die Frage-Stellung nach dem warum? Warum bin ich Säufer? Es ist ganz einfach gesagt. Ich konnte nicht nein sagen. Zu allem nicht nein sagen. Die Nachbarn die Hilfe brauchten, die Kollegen die Geld benötigten, (dabei lieh sich meine Partnerin selbst immer aus und kaufte auf Pump), die Sorgen der Freunde, die Wünsche der Kinder. Fast nie hab ich "nein" gesagt. Es folgt die Trennung von der Partnerin, der Abschied vom Büro-Job. Ich ging mit meiner Behinderung und der kaputten Pumpe wieder in den Service-Aussendienst. Da fühle ich mich glücklich. Das war ein Schritt. Nein gesagt zu dem Nimbus des Betriebsleiters, ja zu einem Job der glücklich macht. Nein zu einer Partnerin mit deren Lebensstil ich nicht mehr klar kam. Ja zum Trennungsschmerz von den Kindern ,vom Hund ,von der gewohnten Umgebung. Zum erstenmal gekämpft beim Anwalt und nein gesagt zu mehr Geld. Und das alles ohne Alk und ohne Sehnsucht nach Alk.
Wenn Ihr den Entzug durch habt, begegnet man Euch mit Mißtrauen wegen heimlich saufen. Je näher verwandt desto schlimmer. Das gehört dazu. Mit den Jahren der Trockenheit werdet ihr feststellen es gibt immer weniger Menschen um Euch herum mit denen ihr zu tun haben wollt. Ihr entscheidet. Ihr sagt nein.
Geht einfach mal auf ein Familienfest, nur zum Essen eingeladen. Gibt es da einen Haushalt in dem kein Alk auf den Tisch kommt? Ihr werdet diesen Umstand einige Zeit tolerieren. Irgendwann sagt ihr nein und es gibt bei Euch im Haus nix mehr zu saufen.. Klasse. Jetzt kommen immer weniger Verwandte und Freunde, auch zu großen Festen. Ihr habt nein gesagt zu falscher Rücksichtnahme. Hurra, jetzt klappts. Ja ein trockener Alki ist schlecht zu händeln, mit dem will von den alten (Freunden, Verwandten, Kollegen) keiner was zu tun haben.
Es ist das nein sagen lernen und dürfen. Die Bereitschaft auch mal Streit zu bekommen, weil ich nicht will. Nicht helfen, nicht arbeiten, nicht lieben, nicht lieb sein. Dieser ganze Mist begann in der Kindheit und Ihr müßt ihn beenden.
Es ist das "NEIN" sagen Freunde. Nein zu seinen Gewohnheiten und nein zu den Gewohnheiten anderer.
Kleiner Trost. Es geht zwar einige Jahre, aber ich verspreche Euch es gibt keine Träume mehr über Alk und Ihr habt kein Verlangen und auch kein Geschmack mehr am Wein oder Bier. Ihr werdet Euere Umgebung als Süchtige wahrnehmen - jeder nach seiner Fasson. Jeder ist auf der Flucht. Merkt ihr die Wortverwandschaft Flucht - Sucht?
Ich wünsche Euch ein bewußtes Leben.
[Striezi: vielen Dank. Wir würden auch den Rest der Geschichte gerne veröffentlichen, wenn Du es wünscht! Ganz besonders gefiel uns die Schlussbemerkung "Jeder ist auf der Flucht": 90% der Bevölkerung sind laut offiziellen Angaben in irgendeiner Form von Sucht betroffen. Du sagst nun -Ja, zum Leben- und das ist wunderbar. Weiter alles Gute. Anton-Team Sonderglocke]
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