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von "Sonnenschein"

Ich kann nicht mehr sagen, wann genau es begann. Es war wohl irgendwann in der Pupertät, als ich anfing, mich mit meinem Äußeren, meinem "Frauwerden" zu beschäftigen und mit anderen Mädchen meines Alters zu vergleichen. Meiner persönlichen Einschätzung nach, schnitt ich bei diesen Vergleichen eher schlecht ab. Aber nicht nur äußerlich, auch von meinem Wesen her passte ich irgendwie nicht ins Weltbild (sagte mir zumindest mein Gefühl). Ich wollte immer (wo)anders sein.

Meine Pupertätsprobleme und alles, was mich beschäftige, versuchte ich mit mir selbst auszumachen, da unsere Familiensituation eh problematisch war und es ohnehin genügend Zündstoff gab, wohingegen meine Sorgen mir winzig erschienen. Ich fand meinen Frieden im Rückzug.. so gab es auch mit mir, im Gegensatz zu meinen Geschwistern, am wenigsten Streit und Probleme. Das wurde geschätzt. Ich erkannte: Wenn ich mich anpasse, dann sind alle zufrieden und es gibt etwas weniger Stress. Meine eigenen Probleme kanalisierte ich scheinbar auf meinen Körper um, und "löste" sie mit Essen und Hungern. Ich geriet in einen Kreislauf, in dem sich beides ständig abwechselte.

Trotz oder dank dieses seltsamen Umgangs mit meinen Problemen, der mich damals noch nicht weiter bedrückte, ging es mir nach aussen hin recht gut. Ich fühlte mich einigermaßen anerkannt und war Teil einer Clique geworden. Außerdem kam ich mit meinem ersten Freund zusammen - mir schien soweit, außerhalb der Familie, alles perfekt.Doch plötzlich trennten sich meine Mutter und ihr derzeitiger Partner, was zugegebenermaßen kein großer Verlust war, aber fast zeitgleich verliebte sie sich neu und wir zogen von einem Tag auf den nächsten ans andere Ende Deutschlands. Da dies nicht der erste Umzug war und ich es immer wieder schrecklich gefunden hatte, sich irgendwo neu einleben zu müssen, war ich davon gar nicht begeistert, zumal ich mich in meinem aktuellen Umfeld so wohl fühlte, aber mit 16 hatte ich kein Mitsprachrecht.

Nicht bloß mit dem ungewohnten Umfeld, auch mit dem neuen Partner meiner Mutter hatte ich große Probleme. Die Klassenkameraden sprachen einen Dialekt, den ich kaum verstand und alles war so anders.. ich fühlte mich fremd.Trost spendete mir nur das Essen und ich nahm so viel zu, dass ich mich nicht schon mehr leiden konnte und mir die was-weiss-ich-wievielte Radikaldiät vornahm - doch diesmal gab es kein Stopp. Nach aussen hin tat ich so, als sei alles super, stellte mich langsam auf den neuen Lebensgefährten meiner Mutter ein und versuchte mich, in der Klasse zu integrieren. Anpassung war schließlich meine leichteste Übung! In meinem Inneren war ich einsam. Ich begann zu rauchen und schmiss die Schule hin.. alles war mir egal. Beides stieß auf Akzeptanz und auch meiner Gewichtabnahme wurde weniger mit Sorge, als mehr mit Anerkennung begegnet. Bis irgendwann meine "Eltern" einen meiner Kreislaufzusammenbrüche mitbekamen und plötzlich strikt darauf achteten, dass ich aß.. Doch das konnte ich längst nicht mehr ohne Weiteres, denn Zunehmen war mein größter Horror, so dass ich mir angewöhnte, zwar normal zu essen, aber nachher alles wieder zu erbrechen. Und es klappte.. leider zu gut.

Im Laufe der Zeit kam es, dass ich nicht nur das "normale" Essen erbrach, sondern vorher absichtlich alles mögliche in mich reinstopfte, was ich mir so lange verboten hatte. Diese Ess-Brech-Anfälle häuften sich zunehmend und mein Denken kreiste bald nur noch um die Planung und Geheimhaltung dieser Exzesse. Mein Tagesablauf bestand überhaupt nur noch aus Ess-Brech-Anfällen, Arbeiten und Schlafen, wobei ich dies alles mehr in einem Trancezustand als in Realität erlebte - ich fühlte mich innerlich tot. Nach außen hin versuchte ich trotzdem, alles perfekt aussehen zu lassen und es schien zu gelingen, denn keiner bemerkte irgendetwas. Insgesamt etwa 4 Jahre "lebte" ich ein Doppelleben - alles was mich interessierte, war meine Sucht und alles andere nur Theater.. welche Rolle eigentlich wirklich meine war, wusste ich schon selbst nicht mehr. Körperliche Symptome wie Zahn- und Halsschmerzen, Herzrasen, Atembeschwerden, Sehstörungen und chronische Müdigkeit machten mir große Angst, aber ich konnte einfach nicht damit aufhören.

Alles, was schlecht lief, alle unangenehmen Gefühle, Probleme, Belastungen usw. landeten buchstäblich im WC. Bis heute muss ich in Krisensituationen gegen das Bedürfnis nach diesem eingefahrenen Muster ankämpfen, denn so seltsam es klingen mag, aber es brachte mir emotionale Erleichterung. Doch natürlich brachte es mir vor allem: innere Leere, Abgestumpftheit, Depressionen etc. und rgendwann gab es für mich keine andere Option mehr als Therapie. Ich bemühte mich auch nicht mehr um Geheimhaltung - als es "aufflog", war es mir fast schon egal, denn mir war längst klar, dass ich diesen Zustand nicht mehr lange aushalten, es aber aus eigener Kraft nicht mehr heraus schaffen würde. So begann der lange Weg der Therapie: erst stationär und anschließend bis heute ambulant. Ich lerne mich jetzt nach und nach selber wieder kennen (und akzeptieren) und versuche, den Alltag ohne Sucht zu bewältigen. Jeder abstinente Tag ist ein Erfolg und bringt mich dem Leben wieder ein Stück näher. Nie wieder möchte ich in diesen grauenvollen Suchtkreislauf hineingeraten!!

[es ist bewundernswert wie offen Du über Deine Sucht sprichst. Wir danken Dir und wünschen Dir weiterhin alles Gute. Anton -Team Sonderglocke-]

 

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