::: von "Ralf" :::
Hallo, mein Name ist Ralf,
ich bin 46 und trockener Alkoholiker.
Zum Alkohol kam ich eigentlich wie die meisten: Zur Disco mal ein Bier oder zwei...und ich merkte, daß der Alkohol eine entspannende und zugleich stimulierende Wirkung hatte. Man war offener, traute sich auch mal, ein Mädel anzusprechen usw...
Alkoholkarriere Das ging über viele Jahre hinweg auch ganz gut. Ein \"Knackpunkt\" für die weitere Alkoholkarriere war nach der Wende, als unser Betrieb alle Mitarbeiter entlassen mußte, weil er plattgemacht wurde. Entscheidend war weniger das Arbeitslos- Sein, sondern die plötzliche Langeweile. Ich wußte nichts mehr mit mir anzufangen, und so fing ich an, verstärkt zu trinken. Daß ich zwischenzeitlich wieder Arbeit fand (Fliesenleger, Mitarbeiter in Zeitarbeitsfirmen), änderte nichts an meinem Alkoholkonsum.
Engiftung 1997 wurde es so heftig, daß meine damalige Frau mir ernstlich riet, eine Entgiftung zu machen, um die Familie wieder zu kitten. Und mit genau dieser \"Vorgabe\" ließ ich mich auch entgiften. Daß das die falsche Motivation war, wußte ich damals noch nicht. Denn danach war erst einmal wieder alles paletti:
Rückfall... "nur ein Bier"
Die Familie war wieder beisammen, ich hatte einen CNC- Lehrgang belegt, nach dem ich dann auch einen Job als Werkzeugmacher und CNC- Bediener fand. Ungefähr ein Vierteljahr später setzte ich einem schönen Frühlingstag mit einer Dose Bier das \"Sahnehäubchen\" auf. War ja kein Problem, so ein Bierchen! dachte ich. Bei diesem Bier fühlte ich, daß es mir an diesem schönen Tag noch besser ging.
Und so trank ich am nächsten Tag wieder ein Bier, usw. Ein paar Monate später trank ich auch abends wieder ein Bier, später zwei...das Suchtgedächtnis hatte zugeschlagen, und der Alkohol bekam wieder seine unheilvolle Macht über mich. Bis 2001 war ich dann bei etwa 6-7 Bier am Abend angelangt, an den Wochenenden noch mehr. Ich verschloß mich meiner Familie gegenüber, sah nur noch, daß genügend Bier im Haus war. Daß ich auch betrunken Auto fuhr, muß ich wohl nicht erwähnen. Mit genügend Promille \"funktionierte\" ich ja erst richtig!
Trennung von der Familie Meine Frau drängte mich, wieder eine Entgiftung zu machen, wenn mir noch etwas an der Familie liege. nach den 3 Wochen eröffnete sie mir, daß sie sich von mir trenne.
...ein Grund zum trinken
Das war Grund genug für mich, sofort zur Kaufhalle zu gehen und eine Tasche Bier zu holen - und schon war ich wieder mittendrin! 3 Tage später hatte ich einen Unfall mit dem Auto (1,9 Promille) - der Führerschein war weg...
Fristlose Kündigung / Scheidung Formsache
Ich ließ mich krankschreiben, weil ich mich schämte. Vor den Arbeitskollegen. Da ich aber nur noch im Suff war, versäumte ich es, den Krankenschein zum Arbeitgeber zu schicken. Folge: Fristlose Kündigung. Nun schämte ich mich noch mehr und soff wie ein Verrückter. Die Frau war zwischenzeitlich daheim ausgezogen und kam ab und zu, um nach dem Rechten zu sehen. Meine Tochter lebte erst einmal noch in der Wohnung; sie zog später zur Frau. Die Scheidung war später nur noch Formsache.
Notentgiftung und Langzeit-Therapie
Im September 2001 machte ich noch eine Notentgiftung. Dort kam ein ehrenamtlicher Suchtberater auf mich zu, der sich meine Geschichte anhörte und meinte: \"Du mußt erstmal weg vom Fenster! Familie weg, Job weg, Schulden (das Auto war noch nicht abbezahlt), Führerschein weg - wie willst du das auf die Reihe kriegen, wenn du alleine daheim sitzt und säufst??\" Da begann ich zu checken, daß ich etwas für MICH SELBST tun mußte - alles andere war ja weg! Und so \"überredete mich der Mann, noch eine Entiftung sowie eine anschließende Langzeit- Therapie (EWB) zu machen. Im Laufe der EWB lernte ich Etliches über mich - wie ich eigentlich tickte, wie es zur Abhängigkeit bei mir kam usw. Und - das Wichtigste - wie ich zukünftig leben mußte, um eine erneute Abhängigkeit zu verhindern.
Wieder trocken: neuer Job, Wiedervereinigung und neue Partnerin
Das ist nun ein paar Jahre her; seit April 2002 bin ich zufriedener trockener Alkoholker. Mittlerweile habe ich wieder einen neuen Job gefunden, meine Tochter ist wieder bei mir eingezogen, und - das Schönste - ich habe eine neue Partnerin gefunden. Was mich ein wenig stolz macht, ist, daß ich das aus eigener Kraft gepackt habe.
Ohne professionelle Hilfe bei der Entgiftung und EWB würde ich wahrscheinlich weitergesoffen haben und läge jetzt 1,80 tief. Und was mir noch sehr hilft, ist der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe, der Kontakt zu Gleichgesinnten. Außenstehende verstehen eher nicht, was in einem Alkoholiker vorgeht; die Reaktionen reichen von Mitleid bis zu totaler Ablehnung. Aber wie sagt man so schön? \"Da steh ich drüber!\"
Etwas zu Entgiftung und EWB habe ich auch auf meiner Homepage www.aibas02.de geschrieben...schaut mal vorbei...ich freu mich!
Viele Grüße
Ralf
[Anm. d. Red.: Lieber Ralf, vielen Dank für Deine erkenntnisreiche Geschichte. Es geht Dir wieder gut, wie wir sehen und das ist wunderbar. Ich denke Deine Geschichte gibt ganz vielen Menschen Hoffnung: über Ihre Sucht nachzudenken und eventuell wie Du es getan hast, darüber zu schreiben. Vielen Dank. Anton -Team Sonderglocke]
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