Von: "B"
Hätten wir es geahnt…
Ich weiß nicht mehr, um was es ging. Ich weiß nur noch, wir hatten viel Spaß auf dieser Party – bis es 24.00 Uhr war. Mit dem Dealer, der dann klingelte waren wir 12 Personen und er hatte Geburtstag, war in Freigeberlaune oder drängte den restlichen, mit sich hadernden Feiernden seine Mischung auf – ein Koks-Heroin-Gemisch, das unser Leben verändern sollte.
Statistik eines einzigen Abends – 17 Jahre später
- B. weiblich (ich-Erzählerin): nach 7 jähriger Heroinabhängigkeit durch Polamidonprogramm seit 10 Jahren clean
- J. männlich: mit 21 Jahren auf einer Bahnhofstoilette an einer Überdosis gestorben
- K. weiblich: viele Jahre heroinabhängig, HIV positiv, inzwischen clean
- K. weiblich: bis heute in Intervallen heroinabhängig, Mutter von zwei Kindern, die ihr vom Jugendamt entzogen wurden
- S. männlich: gestorben mit 29, im Auto nach Heroingebrauch eingeschlafen und gegen einen Baum gefahren
- O. männlich: seit 2 Jahren clean, dazwischen die überwiegende Zeit seines Lebens in Gefängnissen verbracht
- M. männlich: vor 4 Jahren an Magenkrebs gestorben, dazwischen „Light-User“ und lange Zeiten der Abstinenz
Wie konnte ich so dumm sein. Hatte ich mich von der Presse so überzeugen lassen „nur ein einziges Mal und du bist abhängig“. Nach Wochen des Sniefens ein Entzug um zu sehen, was passiert jetzt? Ein mittelschweres Grippegefühl „das lässt sich alles aushalten, ich bin wohl resistent“ und dann später wieder der Griff zum Heroin.
Ich wusste nicht, dass der Körper sich durch Erbrechen hartnäckig gegen seine Vergiftung wehrt und es eine Zeit dauert, bis er sich meinem Handeln ergibt.
Vom Sniefen zur Spritze nur ein kurzer Weg, wenn der Weg zum fehlenden Geld so lang ist und die Ausbeute wesentlich höher. Von der Ausbeute zur Beute, weil auch bald für die Spritze das Geld fehlte und von dort aus nur noch ein einziger Schritt, bis der Schatten an die Wand 2 Jahre lange Gitterstäbe warf. Und das Leben begleitet von Angst. Und Atemnot.
Was war zuerst da, das Ei oder das Huhn, Heroin oder Asthma. 17 Jahre hält er mich an der einen Hand, der Bodyguard, der seinen Job nicht versteht – Atemnot, Erstickungsanfälle, Rettungswagen, Krankenhaus, Wiederbelebung. Vor 10 Jahren hat er mir auch noch seine andere Hand gereicht, Angst- und Panikstörung. Jedes Martinshorn eine gedankliche Bedrohung meines Lebens, bis nur ein Schritt vor die Tür schon zu viel war.
Und immer wieder der fehlgeschlagene Versuch eines „ich-helfe-mir-selbst-Entzuges“. Erbrechen und frieren, Depression, der Körper ein einziger Schmerz und nicht schlafen können.
Daneben ein anderes Ich. Mein Zwilling, der sich nicht ergeben will. Der im Job vorankommt, dessen sozial gefestigte Struktur ein Polamidonprogramm nach Ansicht der Ärztekammer unmöglich machen sollte.
Kleine blutende Rinnsäle über den Körper verteilt, keine Ader mehr zu finden, stehe ich stundenlang auf dem Klo, Ekel der mich vor mir selber überfällt, und die geladene Pistole an dem Kopf hatte ich sie schließlich um Hilfe gebeten.
Und mein Hausarzt, der sich gegen die Kammer durchgesetzt hat. Zwei Jahre mir das, in minimal kleinen Schritten reduzierte, Polamidon und sein Vertrauen, seine aufbauenden Worte in meiner Verzweiflung, einen Teil seiner freien Zeit auch am Wochenende und schließlich mir sein Lächeln geschenkt hat. Und die Rückkehr meiner Gefühle.
Stolz waren wir beide.
Nach meinem Geschenk, dass ihn vielleicht ermutigt hat, weiter zu machen.
Sein erster Patient, der es geschafft hat, durch das Polamidonprogramm clean zu werden, auch der erste in der ganzen Stadt.
Am Anfang der Umstellung von Heroin auf Polamidon für drei Monate der Griff zur Flasche und zum Spritzen von Kokain, hat er meinen Worten trotz allem vertraut „das ist nicht mein Problem, das Problem ist das Heroin, das Andere ist nur zeitweise“ und ich nach diesen drei Monaten bis heute keine Art von Drogen, noch Alkohol angerührt. Als wäre ein Hebel in meinem Kopf umgestellt, fällt mir dies sehr leicht und ich bin nicht der Meinung, dass wer einmal süchtig war, es sein Leben lang bleibt. Pauschalisierung von Menschen … „jeder ist“ … ist unsinnig.
So wie mein Weg. Ein anderer Weg vielleicht, als der „Übliche“, habe ich die mir weltfremd erscheinende Drogenberatungsstelle nach zwei Gesprächen abgelehnt und bin, obwohl damals so vorgeschrieben, nicht mehr hingegangen. Ausflüge und gemeinsame Aktivitäten mit den angehenden Ex-Usern - die hinter dem Rücken der Sozialarbeiter in den Räumen der Drobs Geld sammelten für den nächsten, letzten Schuss, oder Tabletten verkauften - waren geplant, wo Abstand in meinen Augen der gangbare Weg gewesen wäre. Und Ziele. Mein Ziel war ein Haus, das ich mir als „Belohnung und Anreiz“ gekauft habe. Die leere Zeit habe ich mit renovieren und umbauen verbracht. Meinen Freundeskreis gewechselt.
Eine Therapie habe ich vor 5 Jahren gemacht, um die Ängste und das Asthma in den Griff zu bekommen. Danach habe ich mir einen Hund gekauft, der mich dazu zwingt, vor die Tür zu gehen. Nach der 2-jährigen Therapie hatte sich das Asthma wesentlich gebessert und die Ängste bekomme ich auch langsam in den Griff. Letztes Wochenende hat mein Freund mich an die Hand genommen, er hat mir einen Plan aufgemalt und auf die Strecke die ganzen anliegenden Krankenhäuser gemalt „dir kann gar nichts passieren“. Und wir sind zusammen nach Hamburg gefahren.
Bald werde ich wieder ganz gesund sein. Und dies als Dank für alle Menschen, die meinen Weg begleitet haben.
Meine Freunde, Familie und behandelnden Ärzte, die mir immer vertraut, mich unterstützt und begleitet haben. Und auch an die Menschen, die ich nicht kenne, die mich bewusstlos auf der Straße liegend in ein Krankenhaus gefahren oder den Rettungswagen gerufen haben.
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