Von Paul
Sexsüchtig - meine Geschichte
In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, fiel mein Vater zum ersten Mal durch sein Abschlussexamen an der Uni, versuchte anschließend sich umzubringen und landete schließlich in der Psychiatrie. Dieser Ablauf wiederholte sich in den folgenden Jahren einige Male. In der Familie wurde über die Krankheit meines Vaters nicht gesprochen, aber in Wirklichkeit waren wir alle todkrank.
Kindheit
Bei meiner Mutter, die von der Situation komplett überfordert war, merkte man das am deutlichsten: die Mutter meiner Kindheit habe ich als schreiendes und prügelndes Monster in Erinnerung. Vor allem: ich diente ihr ständig als „Blitzableiter“, wenn ihr mal wieder die Nerven blank lagen und die Hand ausrutschte. Heute glaube ich, dass diese Situation für die Wahl meiner Sucht entscheidend war, denn meine Sexsucht hat etwas mit einem zutiefst gestörten Verhältnis zu Frauen zu tun. Sie ist gleichzeitig eine Art Rache an der „bösen“ Mutter und Suche nach einer angenehmeren, kontrollierbaren Variante.
Pornographie
Mit Pornographie kam ich erstmals im Alter von 16 Jahren in Kontakt, zu meiner ersten Prostituierten ging ich mit 19. Obwohl ich die erste Erfahrung mit einer Prostituierten als eher enttäuschend empfand, hatte sie gleichwohl verheerende Auswirkungen auf mein psychisches Gleichgewicht: ich durchlebte eine Phase von Schuldgefühlen und entsetzlichen Depressionen, die fast ein Jahr dauerte. Trotzdem ging ich, als es mir etwas besser ging, wieder und wieder hin, wobei sich die Abstände zwischen den einzelnen Besuchen mit der Zeit immer weiter verkürzten.
Prostituierte
Jedes Mal, wenn ich von einer Prostituierten kam, schwor ich mir, dass dies nun wirklich das letzte Mal gewesen sei, aber immer wenn mich der Drang wieder packte, musste ich losziehen und meine Sucht ausleben. In der Anfangszeit meines Studiums (in den späten 70ern und frühen 80ern) lebte ich von ca 400 bis 600 Mark pro Monat – von diesem Geld finanzierte ich bald einen bis zwei Prostituiertenbesuche pro Woche. Mein Bankkonto war ständig überzogen (Dispokredite gab es damals noch nicht), und ich rutschte allmählich in die Kleinkriminalität ab (Ladendiebstahl etc.) - zu meinem Glück (oder Unglück?) wurde ich allerdings nie erwischt.
Wegen der verheerenden Wirkung meiner Sucht auf mein seelisches Wohlbefinden nahm mein Alkoholkonsum ständig zu. Am schlimmsten waren die psychischen Auswirkungen meines Verhaltens. Sexsüchtige sind einsam. In den ersten 15 Jahren meiner Sucht habe ich mit niemandem über mein Verhalten gesprochen. Ständig hatte ich das Gefühl, nicht normal zu sein, als Mann zu versagen. „Richtige“ Beziehungen zu Frauen hatten auf das Ausleben meiner Sucht übrigens kaum Auswirkungen – die Sucht lief „nebenbei“ immer weiter. Die Konsequenz davon ist natürlich, dass ich selbst meinen Partnerinnen gegenüber niemals offen sein kann – in einer Beziehung zu leben, bedeutet für mich Lügen, Heimlichkeiten, Ausreden, Schuldgefühle etc.
Nähe als Bedrohung
Wirkliche Nähe zu anderen Menschen empfinde ich immer auch als Bedrohung, weil sie für mich das Risiko birgt, irgendwann einmal erwischt zu werden. Inzwischen bin ich fast 50 Jahre alt und habe eine lange Kette gescheiterter Beziehungen hinter mir, bei denen meistens ich es war, der irgendwann das Handtuch geworfen hat – den wahren Grund dafür kennt bis heute keine einzige meiner Partnerinnen.
Meine Sucht heute
In den neunziger Jahren bin ich irgendwann zusammengeklappt – als Folge eines Syndroms von Sexsucht, übermäßigem Alkoholkonsum und exzessivem Arbeiten (das mir eigentlich meine Einsamkeit erträglich machen und mir über mein schlechtes Selbstwertgefühl hinweghelfen sollte). In dieser Zeit habe ich das erste Mal nach Hilfe gesucht. Wegen meiner Alkoholprobleme bin ich zu den Anonymen Alkoholikern gestoßen (dort gehe ich seit 14 Jahren bis heute regelmäßig hin), mit meiner Sexsucht setzte ich mich zunächst bei den Anonymen Sexoholikern (AS) auseinander.
Anonyme Sexoholiker
Das war ein riesiger Schritt nach vorne, denn zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich hier über mein Problem offen sprechen – das Bewusstsein, mit diesen Problemen nicht alleine zu sein, hat mir buchstäblich die Welt geöffnet, mich aus der Isolation geholt. Ich durfte aufhören, ein Einzelgänger zu sein. Allerdings kann ich über AS nicht nur Gutes berichten – möglicherweise ist diese Organisation, die ausschließlich Sexualität in der Ehe als nichtsüchtigen Sex definiert, keine fundamentalistische Sekte, aber nach meiner Erfahrung zieht sie fundamentalistische Sektierer jeder Art an.
Freie Selbsthilfegruppe
Außerdem funktionierte sie weder für mich noch für die Mitglieder, die an derselben Form der Sexsucht litten wie ich. Hilfreicher war da eine freie Selbsthilfegruppe, in der wirklich nur betroffene (Männer) mit demselben Problem wie ich waren. Diese Gruppe musste ich aber wegen eines Arbeitsplatzwechsels und dem damit verbundenen Umzug in eine andere Stadt verlassen. Auf mich alleine gestellt und unter erheblichem berufsbedingten Stress erlitt ich nach ca 1 ½ Jahren Abstinenz von meiner Sexsucht den ersten Rückfall und rutschte allmählich wieder in mein altes Fahrwasser ab.
In der neuen Umgebung besuchte ich noch ca. 4-5 Jahre (erfolglos) eine AS-Gruppe, gab es dann aber schließlich auf, weil mir das einfach nichts mehr brachte. In München (hier lebe ich seit einigen Jahren) habe ich versucht, das Problem mit der Hilfe professioneller Therapeuten in den Griff zu bekommen, aber meine Erfahrungen sind da sehr durchwachsen.
Mein Eindruck ist, dass Therapeuten das Problem „Sexsucht“ nicht wirklich ernst nehmen und wenig darüber wissen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich die beste mögliche Wahl getroffen habe, denn ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo ich bei der Suche nach einschlägig qualifizierten Therapeuten anfangen soll. Im Moment spitzt sich meine Lage wieder so zu, dass ich weder ein noch aus weiß. Meine zweijährige Beziehung steht vor dem Aus, meine finanzielle Situation ist ein Desaster, und ich bin es Leid, mehrmals in der Woche auf der Suche nach Prostituierten wie ferngesteuert durch die Stadt zu fahren.
Ich kann einfach nicht mehr so weiter machen – aber aufhören kann ich anscheinend auch nicht. Oft wünsche ich mir, ich wäre tot. Natürlich kann ich wieder zu AS gehen oder einen meiner Therapeuten anrufen, aber ich denke mir, dass es bessere Angebote geben muss.
Hier findest Du meinen Aufruf in München eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige zu gründen:
Sexsucht Selbsthilfegruppe
[Paul, wie bereits per Mail erwähnt, werden wir uns dem Thema "Sexsucht" nun näher widmen. Wir wollen zunächst nach qualifizierten Therapeuten Ausschau halten; Du hast Recht, Experten sind auf diesem Gebiet rar. Unsere Delia wird sich die Tage auch noch dazu äußern. Wir möchten Dich gerne unterstützen, in München eine eigene Selbsthilfegruppe auf die Beine zu stellen. Hast Du Lust? :-) Wir können auf Sonderglocke.de einen Aufruf starten, und möglicherweise können wir Dir/Euch auch ein eigenes interaktives Forum bereitstellen, damit Du Dich mit Menschen, die ähnliche Probleme haben, austauschen kannst. Melde Dich bitte bei Interesse, wieder bei uns. Liebe Grüße Team Sonderglocke]
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