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Alkoholikerin

::: von "Peter K." :::

Meine Frau Kristina

Ich muss etwas weiter ausholen.

Als ich meine Ex-Frau geheiratet habe, geschah es nicht aus Liebe, sondern weil ein Kind von mir unterwegs war. Ich hatte vorher einige Beziehungen, konnte aber nicht lieben, weil ich es als Kind nie gelernt hatte. Nur Schläge und Demütigungen kannte ich. Woher als Liebe geben, wenn man keine bekommen hat?

Mein Stiefsohn war zum Zeitpunkt der Heirat 2 Jahre alt, bald kam das 2. Kind. Im Laufe der Jahre wurde mein Herz jedoch weicher, ich liebte meine Kinder und, wie ich dachte, auch meine Ex-Frau. Irgendeine Form der Liebe wird es zu meiner Ex auch gewesen sein (wie ich jetzt weiß).

Nach der Trennung begann meine exzessive Trinkerkarriere, die ca. 18 Monate dauerte. Danach war ich trocken.

Im November 2004 hatte ich einen Freund soweit, dass er eine Entgiftung wollte. Er entzog in Bad Rehburg und ich besuchte ihn dort. Im Aufenthaltsraum saßen wir und rauchten. Uns gegenüber saß eine Frau, der ich ansah, dass sie sich sichtlich unwohl fühlte. Mein Freund musste zur Untersuchung, ich kam mit ihr ins Gespräch. Leichter Small-Talk. Das war's.

Am nächsten Tag war ich wieder zu Besuch da. Das Wetter war schön, ich wollte draußen spazieren gehen. Mein Freund nicht. Die Frau war auch da, saß wieder gegenüber. Und fragte mich, ob ich nicht mit ihr spazieren gehen wolle. Sie hätte Hüftprobleme und würde ungern allein gehen. Kurzfassung: Wir gingen spazieren, auch die nächsten 7 Tage. Sie wurde offener und erzählte mir von ihrer Ehe, die beschissen war.

Sie wusste von mir, dass ich trockener Alkoholiker bin und fand das toll. Wir tauschten die Telefonnummern aus, ihr Mann holte sie ab. Das war es dann, dachte ich. Weg und fort.

Es kam kein Anruf und ich rief auch nicht an. Wozu? War ja nur eine fremde Bekanntschaft.

Anfang Februar 2005 kam dann überraschenderweise ihr Anruf. Kristina war völlig aufgelöst, ihr Mann hatte die Scheidung eingereicht. Sie müsse aus dem Haus und wisse nicht, wohin. Ich bot ihr an, erst mal kurzfristig zu mir zu ziehen, denn sie tat mir einfach nur leid.

Sie zog auch bei mir ein, ich schlief auf dem Sofa. Jedenfalls 14 Tage lang. Spröde, wie ich war (die Scheidung hatte ihre Folgen hinterlassen), war sie diejenige, die mir zuerst sagte, sie hätte sich in mich schon am 1. Tag des Kennenlernens verliebt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch schon, dass ich sie liebe, wollte aber bis dahin keine Ehe zerstören.

Wir haben uns beide ausgesprochen und waren vom 18.02.2005 an ein Paar, ein sehr glückliches. Sie war meine erste große Liebe und ich ihre. Spät ist es passiert. Ich glaube, irgendwo auf dieser Welt gibt es einen Partner, der einfach zu uns passt, ohne Wenn und Aber.

Bei uns beiden war es so. Wir waren 13 Monate zusammen und jeder Tag war ein schöner Tag (auf die Abende komme ich später). Es gab nur minimale Differenzen. Wir besuchten Museen, Theater, Ausstellungen. Alles das, was ihr Mann nie gemacht hatte.

Aber nach ca. 6 Monaten bemerkte ich, dass sie heimlich trank. Riechen konnte ich es nicht, weil mein Geruchssinn nach einem Treppensturz verloren ist. Aber abends war sie immer depressiv und traurig, außerdem hatte sie auch Sprachstörungen. Da ging bei mir eine Warnlampe an. Das kennst du doch von dir, dachte ich.

Ich sprach sie an. Sie leugnete aber alles ab. Toller Trick, nen Alki belügen zu wollen. Ich ging auf Flaschensuche und wurde fündig. Klar, die Verstecke kannte ich ja von mir.

In den nächsten Monaten war ich dann teilweise traurig. Immer dann, wenn sie abends wieder voll war. Tagsüber eine liebevoll Frau, abends depressiv und niedergeschlagen. Ich habe lange Gespräche mit ihr geführt, sie gelobte immer Besserung. Alles gelogen, abends wieder voll. Sie war nie ausfallend oder ordinär. Wollte aber nicht zur Entgiftung.

Ich wollte sie nicht verlassen, sie hatte wirklich niemanden auf der Welt. Ich war der Mann, der ihre Stütze in dieser Welt war. Und ich wusste, dass sie irgendwann am Alkohol sterben wird. Und war hilflos. Wenn ich sie verlassen hätte, wäre es sehr schnell gegangen. Sie hatte 24 Jahre bescheidener Ehe hinter sich. Da wollte ich ihr glückliche Monate schenken. Das ist mir gelungen. Die Liebe, die sie mir gab, konnte ich ihr zurückgeben.

Bis Ende Februar 2006 waren es wirklich glückliche Monate, denn sie war nicht jeden Abend betrunken. Wollte aber nicht zur Entgiftung. Mein Arzt sagte, mach sie so voll, dass sie nicht mehr lallen kann. Dann kommt sie ins Krankenhaus. Das konnte ich nicht, ich konnte ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Ich liebte sie zu sehr. Und wusste, wohin der Alkohol führen würde.

Im März 2006 wurden die Gehstörungen schlimmer. PNP. Sie schob es auf die Hüfte. Aber keine gelben Augen, keine Essstörungen, kein Frieren. Mitte März ging es dem Ende zu. Sie trank immer mehr und versteckte die leeren Flaschen, die ich immer wieder fand. Sie ging morgens einkaufen und brachte sich den Fusel mit.

Dann war es soweit, ich stellte ihr das Ultimatum: Entgiftung oder Trennung. Sie weinte, meinte, ich wolle sie loswerden. Es gab ein langes Gespräch, sie war zur Entgiftung bereit. Wollte aber erst Anfang April in die Klinik, vorher persönliche Dinge ordnen. Dann machte sie für den 02.04.2006 den Termin im Krankenhaus klar.

Die nächsten 2 Wochen waren sehr schön. Sie trank abends maßvoll, um nicht ins Delir zu fallen. Dazu hatten ihr Arzt und ich ihr auch geraten. Sie regelte auch ihre persönlichen Dinge. Sie muss vorher schon etwas geahnt haben.

Und am 31.03.2006 wachten wir morgens auf. Sie kuschelte sich an mich, sagte: "Ich liebe dich. Gott sei Dank ist in 2 Tagen alles vorbei. Ich freue mich so auf mein neues Leben mit dir." Und starb dann an einem Herzschlag.

Sie war meine große Liebe. Ich konnte ihr helfen, aber war es nicht zu spät? Nein, denke ich. Sie hat zum Ende ihres Lebens glücklich gelebt. Das ist mehr, als andere von sich sagen können.

Ihre Organe, das ergab die Autopsie (ihre Kinder und ich bestanden darauf), waren zerstört. Das Gehirn war schon in Mitleidenschaft gezogen worden, jedoch im Gedächtnisteil nur geringfügig.

Sie wäre ein Pflegefall geworden, das ist im Nachhinein sicher. Ich fühle mich nicht schuldig, bin nur sehr traurig darüber, dass wir nur so wenige Monate hatten. Ich konnte ihr vorher nicht helfen, sie lehnte eine Therapie ab.

Ach ja, in den ganzen Monaten war ich trocken. Alkohol war kein Thema für mich.

Ich bin noch lange nicht darüber weg. Manchmal erscheint mir das Leben ohne sie so sinnlos. Wir wollten in Las Vegas heiraten, hatten noch so viel gemeinsam vor. Der Alkohol hat alles zerstört. Das, was mir am wertvollsten war, nämlich sie.

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