Lulu, der kleine Delphin
von Jupiter
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3.
Lulu war stets begeistert von diesen Klängen, es waren Melodien bei denen man alles vergessen konnte. So wundervoll und harmonisch. Ja, insbesondere voller erwärmender Harmonie.
Lulu versuchte immer schon mal mit zu singen, aber er war noch zu jung und noch nicht entsprechend körperlich in Sachen Klangtechnik ausgebildet. Also lauschte er doch lieber den sanften beruhigenden Klängen. Selbstverständlich wollte er diesen Versuch vollkommener Übereinstimmung untereinander nicht im Geringsten stören. In höchstem Maße davon beeindruckt, war sein Respekt groß genug.
Es schien so, als würden sich alle Delphine und überhaupt alle Säugetiere in diesem Meeresabschnitt auf eine unerklärliche und überaus bezaubernde Weise miteinander unterhalten.
Lulu begann nachzudenken. Onkel Sato hatte er schon einmal gesehen, aber er erinnerte sich auch, daß er ein wenig Angst vor ihm hatte, ja dachte er, er ist schon ziemlich alt. Seine Augen sahen anders aus als die seines Vaters Bogo. Man könnte sagen, Satos Augen waren trübe. Auch schwamm Sato kaum noch, eigentlich gar nicht mehr, sondern verweilte in seinem kleinen Unterschlupf, selbst die Mahlzeiten wurden ihm regelmäßig von verschiedenen Mitgliedern der Gruppe dorthin gebracht. Nur um Luft holen zu können, tauchte er hin und wieder auf an die Oberfläche.
„Mama“, flüsterte Lulu zu seiner Mutter, als die Stimmen nach und nach verklangen, „sag mal, was ist das so richtig: sterben?“
Die Mutter flüsterte sanft zurück: „Lulu jetzt hör mal, heut nicht mehr! Hüpf jetzt in dein Nest, morgen ist auch noch ein Tag!“, gab ihm die Mutter unmißverständlich zu verstehen.
Lulu traute sich nicht wie sonst, um Antwort zu betteln und gehorchte der Mutter. Er wußte, daß sie es sicherlich mitbekommen hatte, wie unartig er wieder einmal war.
Es dauerte an diesem Abend eine Weile, bis der kleine Delphin einschlafen konnte. Immer wieder ging es ihm durch den Kopf. Sterben, Sterben. Sato ist alt, alt.
Und wie so oft konnte er kaum den darauffolgenden Morgen abwarten.
Der Morgen begann jedoch in einer ungewohnt hektischen Atmosphäre. Der große Rat wurde wegen dem kranken Sato einberufen. Auch seine Mutter war nicht in der Nähe.
Lulu aß sehr hastig etwas, um dann sofort Mero aufzusuchen. Aber alle hatten schon ihre Plätze eingenommen. Auch Mero.
Daraufhin suchte sich Lulu ein kleines Versteck, von wo er vielleicht ein wenig zu sehen oder zu hören bekam.
Junge Delphine waren hier eher unerwünscht. Natürlich sah und hörte Lulu etwas, aber er verstand noch nicht, worum es bei diesen lauten Gesprächen der Gruppenmitglieder ging.
Also hieß es wieder Warten. Plötzlich war Shila, die Nervensäge, hinter ihm. Er erschrak und ihm wurde feuerheiß.
4.
Shila war ein kesses Delphinmädchen und immer ziemlich frech, aber trotzdem fühlte man sich in ihrer Nähe wohl. Lulu mußte zugeben, daß ihn das immer ein wenig irritierte. Shila war bereits einige Jahre älter als er.
„Na, Lulu!“, stupste sie ihn, „lauschst du etwa? Du kleiner törichter Meeresbewohner!“ Lulu war ein kleines bißchen abwesend in ihrer Gesellschaft. Er wußte nicht, was für einen Streich sie wieder vorhaben könnte.
Er nahm jetzt all seinen Mut zusammen und fragte schließlich: „Shila, verstehst du so richtig, über was die Erwachsenen da reden?“
Mit offenen Augen blickte sie ihn an: „Phh, du bist mir aber einer“, und schon war sie wieder in ihrem Element, „kannst du dir das denn nicht denken?“ Energisch schüttelte Lulu den Kopf. „Sato“, fuhr sie fort, „wird nicht jünger und auch nicht gesünder und er ist doch unser lebendes Gedächtnis!“
Lulu stutzte und unterbrach sie: „Wie, lebendes Gedächtnis, daß verstehe ich nicht ganz?“ Entnervt klärte sie ihn weiter auf: „Immer, wenn ein Gruppenältester im Sterben liegt, wird ein neuer Delphin auserwählt, als Nachfolger sozusagen. Dieser muß sich dann alles einprägen, was ihm der Älteste von vergangenen Zeiten anvertraut, wichtig Dinge, die niemals, niemals in Vergessenheit geraten dürfen!“
Lulu hatte sich das alles aufmerksam angehört, runzelte die Stirn und fragte stockend: „Soll es denn da so viel zu erzählen geben?“ Dabei sah er nachdenklich seitlich nach unten. Auch Shila machte eine in sich gekehrte Miene: “Hm, naja.“, gibt sie ihm zögerlich Antwort: „ Es muß eine Menge sein, denn diese sogenannte Übergabe dauert meines Wissens bald zwei Wochen. Weiß ich von meinem Vater.“
Dann entfernte sie sich mit einem hämischen Lachen und ließ Lulu allein.
Allein mit seinen unendlich vielen Fragen, die in seinem kleinen Kopf herum spukten.
Lulu brauchte jetzt erst einmal etwas Ruhe und so schwamm er zu der schönen Grotte, die sich unweit des Lagers der Säugetiere befand. Menschen verirrten sich hierher nur selten. Sicherlich, weil das Gewässer an dieser Stelle sehr heimtückisch war.
Nun, dort angekommen, mußte er das alles langsam verarbeiten. Nach einer Weile ging es ihm schon wieder besser.
Jetzt fiel ihm auch wieder ein, wie einer der älteren Delphine einst sagte: „Die Menschen haben es da wohl einfacher, sie haben immer alles aufgeschrieben.“ Ja, das sagte einer von ihnen.
Was hieß denn das überhaupt, `aufschreiben`. Das kleine Knopfauge grübelte nach, was er dazu noch wußte. Mal sehen, hey klar, jetzt weiß ich es wieder. Er hörte einmal den Vater Späße über den alten Sato machen: „Der wird noch mal an seinem alten Schatz fest wachsen.“
Der Schatz war ein dickes altes Buch, welches Sato in ganz jungen Jahren auf dem Meeresboden fand und es für sich behielt.
Natürlich konnte niemand darin lesen, aber Sato wußte von seinem Vater, daß darin Menschen Dinge aufgeschrieben haben mußten.
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