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::: von Jupiter :::

Der Weg ist das Ziel

(Vom Rauchen und Nichtrauchen)

1

Als ich wieder einmal vor Ende der Mittagspause in unser sogenanntes Zimmer 19 hetzte und die Tür des kleinen verwinkelten Raumes öffnete, bemerkte ich, daß das Zimmer leer war.
Das Fenster zum Hof war angekippt und der kalte widerliche Qualm der aufgerauchten Kippen im Aschenbecher kam mir übelriechend entgegen. Nichtsdestotrotz kramte nun auch ich meine Zigarettenschachtel und das billige grüne Plastikfeuerzeug hervor, um mir genüßlich eine Davidoff Gold anzuzünden. Dabei dachte ich, ausnahmsweise war es heute mal ganz okay, mir in dieser Minute meinen Glimmstängel ohne diverse Gesellschaft einverleiben zu können. Sorry, ich glaube manchmal braucht man keine Ablenkung dabei.

Sogleich wurde ich nach dem bisherigen Streß an diesem Vormittag ein wenig ruhiger. Tausend Dinge gingen mir nun durch den marodierenden Schädel. Ich schaute dem Qualm nach, wie er durch den schmalen Fensterspalt den Weg ins Freie suchte. Mein Denken nahm urplötzlich sprunghafte Formen an.
Nun, ich fürchte es suchte mein ebenso sprunghaftes Wesen. Spaß beiseite. Ich begann also absurder Weise neidisch auf den Zigarettenrauch zu werden. Lächerlich.
Vielleicht ist neidisch ein falscher Ausdruck für meine skurrile Art der spontanen Bewunderung. Egal.

Er kam hier unbemerkt raus und niemand hielt ihn zurück. Das ist wahrliche Freiheit in meinen Augen. Abrupt brach ich jedoch diesen Gedanken mit der philosophischen Feststellung ab, daß wohl ein Mensch, was wir nun einmal sind, in dieser Welt niemals komplett frei sein würde.

Also zügelte ich meinen Gedankengang und konzentrierte mich darauf, daß mir zum Beispiel ein Apfel mit Sicherheit in Hinblick auf meine Gesundheit und allseits beliebte Schaffenskraft jetzt gerade bessere Dienste erwiesen hätte. Wer kennt das nicht, das Fleisch war willig, doch leider machte mir der Rest einen fetten Strich durch meine Milch-Mädchen-Rechnung.

In diesem Zusammenhang fiel mir die Geschichte vom kleinen Jungen Jason ein. Jason war erst sechs Jahre alt, sehr aufgeweckt, phantasievoll und ein leidenschaftlicher Skateboardfahrer.

 

2

Wenn man ihn mit seinem fahrbaren Untersatz sah, wie er mit Leichtigkeit seine erfundenen Figuren darstellte, mochte man kaum glauben, daß dazu doch erheblich viel Training und Übung von Nöten war.

Jason trug gern sein kleines rotes Basecup, natürlich verkehrt herum, was für eine Frage, und seine eigens kreierten Skaterklamotten wozu auch die Schlabberjeans mit den großen Taschen gehörte. So oft ich ihm begegnete, mußte ich etwas schmunzeln, denn in irgendeiner dieser bereits erwähnten Taschen trug Jason stets einen leckeren Apfel mit sich herum. Gut, wenn sich der Tag dem Ende neigte, beobachtete ich auch schon, daß er den Apfel längst gegessen haben mußte, weil sich keine Hosentasche mehr so wölbte, um darin etwas derart Rundes vermuten zu können.
Einmal grübelte ich nach, ob er ihn sich regelmäßig selbst aus der Obstschale nahm oder ihn ein Elternteil vielleicht ab und an dazu animierte.

Der kleine Junge war richtig süß, mit seinem dunklen gelocktem Haar und den großen braunen Kulleraugen anzusehen.
Jason wohnte gleich in der Nachbarschaft und des öfteren sah ich ihn während meiner damaligen Krankheit namens Jogging im nahegelegenen viel beliebten Stadtpark. Dort befand sich auch unter anderem am Rande der grünen Oase ein großes aufwendig und mit viel Liebe errichtetes Skatergelände. Es war voll in den Händen von halbwüchsigen Skaterprofis, die dort ihre bisweilen doch sehr waghalsigen Darbietungen zur Schau stellten. Eines Tages, wieder beim wöchentlichen Joggen, bekam ich eine Szene, die Jason betraf, in diesem Gelände mit.
Man brauchte nicht viel Phantasie, um zu erkennen, daß die älteren Jungen Jason hier nicht wollten.
Verschwinde, Dreikäsehoch mit babyblauen Pampers, hörst du?!, pöbelten sie ihn unverschämt an.
Wie versteinert stand nun der Kleine, den Kopf gesenkt, sicherlich den Tränen nahe, am Geländer und ich empfand tiefes Mitgefühl für ihn. Aber einmischen wollte ich mich natürlich nicht unbedingt.

Traurig und mit hängenden Schultern verließ er den Platz und rannte dann schnurstracks Richtung Liegewiese. Entmutigt blickte er sich nochmals zu den Größeren um. Doch jetzt blieb er stehen, legte sein Board auf den Rasen und tastete seine Jeanstaschen nach dem besagten Apfel ab. Er holte ihn sich mit einem schmollenden Gesichtsausdruck hervor und ließ sich auf seinem Rollbrett nieder.

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