von "tachzusammen"
Bericht eines Alkoholikers
Ich bin jetzt 49 Jahre alt und sollte einiges aus meinem (Sucht-) Leben berichten können.
Gesellschaftsförderndes Trinken
Es fing alles -wie bei wahrscheinlich vielen anderen- im jugendlichen Alter an.
Der Alkohol schmeckte zwar nicht wirklich gut, hatte aber eine Wirkung. Unter Alkohol war ich plötzlich lockerer, witziger und vor allem selbstbewußter. Dem entsprechend wurde dieser gezielt eingesetzt. Vor der Zusammenkunft mit Freunden, vor wichtigen Entscheidungen und dann wieder nachher auch zur "Belohnung". Im Grunde hatte ich Angst. Angst vor Neuem, Angst vor Ungewissem, Angst vor Blamage , Angst vor der Zukunft usw.
Nach Bier folgt Schnapps
Erst wurde die entsprechende Wirkung mit einigen Flaschen Bier erreicht. Irgendwann war die Biermenge nicht mehr ausreichend und auch das Volumen (an Liter) wurde zu viel. Die gleiche Wirkung erzeugte auf "ex" ein "Flachmann". Der war natürlich auch leichter zu Be- und Entsorgen.
Die Wirkung lies nach, ich bekam wieder "Ängste" und musste nachschütten. Also wurde immer etwas versteckt für den Fall, daß der Pegel wieder steigen mußte. Das war natürlich immer öfter. Am Morgen danach fühlte ich mich natürlich jämmerlich. Aber ich mußte natürlich funktionieren und wieder irgendwo "auf der Matte stehen".
Nachtanken um zu funktionieren - Ehekrise
Also nach dem Aufwachen zur Beruhigung wieder "nachtanken". Die Ehe zerbrach. Ich war am Ende, kroch bei den Eltern im ehemaligen Kinderzimmer unter, hatte kaum noch Geld und durfte die Kinder nicht sehen. Es kamen nur Briefe und Forderungen. Meine Ex-Ehefrau hatte mir geschworen: "Dich mache ich fertig". Und es klappte vorzüglich. Als ich es denn in einer Nacht "im stillen Kämmerlein" alkoholmäßig so getrieben hatte, daß ich am nächsten Tag vor meinem Vater zusammenbrach, wachte ich im Krankenhaus auf. Was vorher schon nicht richtig zu verheimlichen war wurde nun offensichtlich.
Endstation: Krankenhaus
Mir viel ein Stein vom Herzen. Ich lies mir helfen und war froh, zum ersten mal seit langem nach einigen Tagen wieder nüchtern in die Welt zu blicken. Fast mit Begeisterung ging ich zu einer Langzeit-Therapie. Das war vor ca. 13 Jahren.
Immer wieder versuchte ich, Anschluß an Selbsthilfegruppen zu finden, was aber aus irgendwelchen Gründen im Sande verlief. Trocken war ich nicht während dieser gesamten Zeit. Immer wieder unterbrachen Rückfälle meine Trockenheit. Aber die Abstände wurden größer. Ich verbuche das schon unter "Erfolg".
Der nächste Schicksalschlag kam 2004. Es wurde Speiseröhrenkrebs festgestellt, die Operation war erfolglos und mir wurde keine Chance eingeräumt. Eine Chemo- und Strahlentherapie brachte trotzdem Erfolg und es sah ganz gut aus. 2005 wurden Metastasen festgestellt. Wieder Chemo, wieder mit Erfolg. 2006 wurde bei meiner 2. Ehefrau Krebs festgestellt. Brustamputation, Chemo, Bestrahlung usw. folgten.
Seit 2004 wurde ich befristet zum "Erwerbsunfähigkeitsrentner". Ich hatte also Zeit, mich ohne Außendruck/Stress wieder neu zu orientieren. Der Suchtdruck blieb weg. Warum das gerade in dieser schwierigen Zeit so ist bleibt eigentlich unwichtig. Trotzdem grübele ich darüber nach, warum ich in früheren Zeiten zum Alkohol griff, jetzt dagegen nicht.
Sei es drum, ich will die Zeit nutzen und mich sozial betätigen. Am liebsten im Suchtbereich anderen helfen. Für mich wäre das sicher auch eine Art Selbsthilfe.
Dies war also in groben Zügen meine Geschichte.
Wie jede Andere auch sicher Einzigartig. Denn wenn es allgemein verbindliche Suchtgeschichten geben würde, könnte man sicher auch allgemein gültige Ratschläge geben. Und gerade das ist meiner Meinung nach (leider) nicht möglich. Nicht in Fachkliniken, Selbsthilfegruppen oder von "Fachleuten".
Ohne diese Hilfeinstitutionen würde jedoch kaum jemandem der selbständige Ausstieg gelingen -denke ich.
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