Liebe und andere Widrigkeiten
Es war meine erste Therapie. Ich hatte mir die Würmtalklinik bei Gräelfing ausgesucht. Wobei das nicht ganz stimmt. Mein Hund hatte diese Klinik gewählt. In den angrenzenden Wäldern ging ich mit ihr oft spazieren und so führte sie mich zu dem abgelegenen Gelände. An der Pforte stand "Suchtklinik der LVA" und ich betrachtete diese seltsamen Gestalten auf dem Gelände mit einigen Vorbehalten. Ich sah das auf dem Klinikgelände scheinbar auch Hunde lebten und somit war klar: sollte ich eine Therapie machen wird es hier sein, die LVA unterstütze diese Einrichtung und somit bekam ich die Kostenzusage für die Gräfelfinger Klinik.
ora et labora
Die ersten Tage ging ich den Leuten aus dem Weg soweit dies möglich war. Etwa 80% der Patienten waren aufgrund ihrer Drogensucht da, als Alkoholiker gehörte ich zur Minderheit. Weiter hatten die Meisten Ärger mit der Justiz, bzw. hatten den Klinkaufenthalt als Auflage von der Staatsanwaltschaft verordnet bekommen. Sie waren also nicht freiwillig dort. Wobei sich eigentlich Niemand "freiwillig" in eine Suchtklink begibt...
Unser Tag war voll gepackt mit Aktivitäten: diverse Gruppen, viel Sport, und verschiedene Arbeitsprojekte (wir Süchtige verwalteten uns selbst, d.h. Arbeiten die im Haus anfielen wurden von uns selbst verrichtet). Die Arbeitsprojekte waren im Einzelnen: Schreinerei, Malerei, weitere Werkstätten, Küche, Restaurant, Hygiene (Wir putzen täglich das ganze Haus) Garten, Wald und Wäscherei, zudem kümmerten wir uns um die im Haus lebenden Hunde.
Durch diesen straffen Tageablauf raste die Zeit. Wir kamen gar nicht zum denken, da wir von ca. 6:00 Uhr morgens bis abends 19:00 bzw. 20:30 (je nach Wochentag) beschäftigt waren. Abends waren wir erschöpft, was sich im Tiefschlaf angenehm spiegelte. Mein Plan war über die ganzen 4 Monate des Therapieaufenthaltes den Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich war immer ein Einzelgänger und warum sollte sich dies jetzt ändern?
Liebe auf den zweiten Blick
Abends, nach Feierabend sozusagen, trafen wir uns im Aufenthaltsraum. Es wurden Gesellschaftsspiele gespielt (Schach, Backgammon, Rommee und weitere) oder wir schauten uns Videos an (zweimal die Woche war dies möglich). Dazwischen gab es selbstverständlich jede Menge Gespräche und nach kürzester kannte ich sämtliche Biographien: Suchtbiographien der "Allerfeinsten Art". Erstaunlicherweise legten die Menschen eine Ehrlichkeit an den Tag, die mir bis dahin in der Gesellschaft verborgen blieb. Draussen im weltlichen Leben schien jeder seine Makel verstecken zu wollen, hier wurde kein Hehl daraus gemacht und somit wurde sehr viel gelacht, aber auch herzlich geweint. Diese Mischung von kunterbunten Chaoten, einschlägig vorbestaften Giftlern und hilflosen Traumtänzern gefiel mir allmählich. Nein, ich begann sie zu lieb zu gewinnen...
In den Arbeitsprojekten wurde rotiert. Jede Tätigkeit wurde einige Wochen ausgeübt, dann wechselte man in das nächste Projekt. Das sogenannte "Team", die Psychologen und Therapeuten entschieden wem welche Tätigkeit nützlich wäre und oft lagen sie dabei richtig; die Introvertierten mussten beispielsweise an die Rezeption, wo sie zur Kommunikation mehr oder weniger gezwungen wurden und die Arbeitsscheuen unter uns kamen zum Küchendienst, weil dieser Dienst am arbeitsintensivsten war. Meist waren wir mit der Entscheidung des Teams unzufrieden, auch wenn wir instinktiv wussten, dass die für uns ausgesuchte Tätigkeit richtig war. Nun, wir waren eben keine Heilige...
Peu a peu
lernt man sich kennen. Neben den ganzen Tätigkeiten gab es eben noch die verschiedenen Gruppentherapien, von kleineren Gruppen bis zur Grossgruppe (die sich Konferenz nannte). In diesen Gruppen wurden die Defizite jedes Einzelnen unter die Lupe genommen und diese Defizite wurden nicht hinter vorgehaltener Hand besprochen sondern offen vor sehr kritischem Publikum.
Man hatte nun zwei Möglichkeiten: 1. man konnte sich verschliessen und versuchen die eigenen Schwächen zu kaschieren, was auf Dauer einfach zu kraftraubend ist, oder man konnte 2. ganz offen Mensch sein, und sämtliche Peinlichkeiten an den Tag legen. Im Nachhinein stellte sich heraus, diejenigen die Variante 1. wählten und verschlossen blieben, also weiterhin Dinge zu verheimlichen versuchten, waren diejenigen die später am ehesten rückfällig wurden. (Sucht)Freiheit lässt sich nur mit Hilfe von Ehrlichkeit erreichen...
Den Lächerlichen gehört die Welt
Hat man das Versteckspiel einmal satt und beginnt de Dinge beim Namen zu nennen bekommt das Leben eine neue Qualität. Das ewige Denken, was darf man sagen, was sollte man sagen, wieviel Ehrlichkeit darf sein, fällt komplett weg -dies macht frei. Nun sollte man denken, gibt man sich einmal der Lächerlichkeit preis, wird man in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, doch gerade das Gegenteil ist der Fall und zwar nicht nur in solch einer geschlossenen Welt sondern überall.
Der Schein kostet zuviel Energie und ist nicht ertragreich. Allmählich begannen wir uns über unsere eigenen Schwächen zu amüsieren. Humor trat an die Stelle wo wir Vorwürfe erwarteten, lediglich die Therapeuten wussten mit Humor nicht umzugehen, bis auf wenige Ausahmen (Danke, Ernst!).
... wie im richtigen Leben
Ehrlichkeit, Wahrheit, Vertrauen und Aufrichtigkeit zu sich und zu anderen machen das Leben vielleicht erst lebenswert, es scheinen die Vorraussetzungen für Liebe und Glück zu sein. Wer mit unseren Wahrheiten nicht zurecht kommt kann in unserem Leben auch keine nennenswerte Rolle übernehmen. Die Anderen, die uns zuhören, die nicht urteilen sondern uns mit Herzlichkeit begegnen, denen gehört unser Herz und in jedem Fall unser Ohr.
Ich hatte das Glück vor meinem Klinikaufenthalt mit der Liebe konfrontiert zu werden. Während der Suchtphase hat man keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten -der Suchtstoff steht immer im Mittelpunkt und danach ist es der Suchtstoff, und danach ist es wieder der Suchtstoff ... usw. An Liebe und ähnlich sinnlose Unterfangen ist dabei nicht zu denken. Glücklicherweise war ich über ein Jahr clean, bevor ich in die Suchtklinik kam und glücklicherweise traf ich einen Menschen, der bereit war zur Liebe, in guten wie in schlechten Zeiten.
Meine Vermutung war, dass Liebe an bestimmte Menschen (oder Tiere) gebunden ist, doch in der Klinik wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Macken eines Menschen, die mich früher einfach nur genervt hätten, begannen mir sympatisch zu sein. Ich lernte die Schwächen der anderen Patienten zu lieben und dabei war ich nicht Alleine.
Liebe, wie Verachtung, spürt man als sensible Persönlichkeit und die meisten Abhängigen sind sehr feinfühlig. An Liebe können wir glauben, auf Liebe können wir hoffen, doch solange wir mit unseren eigenen persönlichen Lügen nicht aufgeräumt haben ist der Weg schwer. Genauso schwierig verhällt es sich, wenn wir mit einem verlogenen Umfeld kokettieren; die Ellenbogengesellschaft handelt nicht aus Mitgefühl sondern aus Egoismus und Arroganz.
Doch die Erfahrung zeigt: stellen wir die Grundbedürfnisse unseres Lebens in den Vordergrund (u.a. Liebe, Mitgefühl, Anerkennug und Zuneigung), dann werden wir auch exakt mit denjenigen Menschen konfrontiert, die das Gleiche im Sinn haben und hier schliesst sich der Kreis -ein wunderbares Naturschauspiel ganz ohne Nebenwirkungen...
Menschlichkeit versus psychologogisches Wissen
Wir können, wenn wir gewisse Abhängigkeiten und gesellschaftliche Zwänge aus unserem Leben geräumt haben, frei entscheiden welchen Weg wir gehen möchten. Der Weg der Liebe ist nur unendlich angenehmer als der Weg des Scheins. Für mich persönlich war diese Erfahrung, der Kontakt zu Gescheiterten Persönlichkeiten wesentlich hilfreicher als die Einflüsse der Psycholgen und Suchtexperten. Sie halfen gelegentlich auch, wenn sie beispielsweise in offenen Wunden bohrten, um weitere Wahrheiten ans Tageslicht zu fördern, doch im Großen und Ganzen litten das medizinisch-therapeutische Team auch nur unter den gesellschaftstypischen Neurosen: Profilierungsgehabe, Übermut und persönliche Interessen. Allerdings möchte ich ihnen keine schlechten Absichten unterstellen, obwohl einige der Therapeuten dringenst eine Therapie nötig hätten...
Doch wollen wir hier nicht abschweifen: die wahren Experten der Sucht wie auch des Lebens waren wir Süchtige. Wir kennen das Dickicht des gesellschaftlichen Systems und wir haben die menschlichen Tiefen, dank unserer Sucht, erfahren. Ja, ich möchte meiner Suchterfahrung danken. Sie hat mich mitunter dorthin geführt wo ich heute stehe: in Freiheit und dennoch mitten im Leben, von vielen Erfahrungen bereichert und von sämtlichen Suchtmitteln angewiedert. Ich danke Gott, gleich welchen Namen er trägt, ich danke meinem Weib für Ihre Art wie sich mich in die Liebe einwies (lange Zeit wehrte ich mich -glücklicherweise vergebens) und ich danke all den Leidensgenossen, die mir halfen die Liebe neu zu entdecken. Ich will Euch nicht beim Namen nennen, aber Ihr werdet mir für immer in Erinnerung bleiben.
Ich danke selbst Egit meinem Bezugstherapeut, zwar war er nie da, wenn ich ihn brauchte und sein Tatendrang war nur vorhanden, wenn er sich dabei vor dem restlichen Team profilieren konnte, doch durch ihn lernte ich, dass diejenigen, die das Sagen haben auch nur mit herkömmlichem Wasser kochen. Es verhällt sich wie in der freien Wildnis: Die, die was wissen schweigen meist und diejenigen die laut brüllen verdecken mit ihrem Geschrei nur die eigenen Defizite und Unzulänglichkeiten; Psychologen sind von dieser Tatsache auch nicht ausgeschlossen.
Glück ist kein Zufall
Wir sind das Leben, der Weg, Gott und gleichzeitig die Welt. Unsere Freiheit ist unbegrent, wenn wir uns von den Abhängigkeiten lösen. Um Sucht zu überwinden brauchen wir keine übermenschlichen Kräfte -Jeder ist dazu in der Lage, sofern er wirklich will.
Es ist meiner Meiung nach wesentlich schwerer sich von den gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu lösen als von dem Suchtmittel. Abhängigkeiten, die vielleicht erst zur Sucht führen ?
Wer geht einer Arbeit nach, die ihn mit Glück und Freude erfüllt? Wieviel Verrenkungen sind notwendig, bis wir akzeptiert werden? Warum sollen / müssen wir immer stark sein? Wie krank ist ein Mensch, dem Karriere wichtiger ist als Liebe? Wieso lassen wir uns von Dingen und Produkten versklaven? Haben wir nicht begriffen, dass hinter dem Junkfood derselbe Konzern steckt, der uns auch Diäten verkauft? Wieso begegnen wir einem erfolgreichen Juppie mit Respekt, während wir den liebevoll schauenden Stadtstreicher mit Verachtung strafen? Wieso lösen wir uns auch nicht von diesen Abhängikeiten? Warum sind laut offiziellen Angaben 90% der westlichen Bevölkerung in irgendeiner Form süchtig? Mangelt es an Zufriedenheit? An Liebe ? An Hoffnung? An was?
Wir ändern uns. Die Gesellschaft ändert sich. Im Internet zeigt sich der neue Spirit am deutlichsten: uneigennützige Projekte sind der Renner, die Urheber vieler Initiativen handeln aus Spass an der Handlung und verfolgen keine kommerziellen Ziele und doch haben alle etwas davon.
Neue Lebens- und Wohngemeinschaften spriessen wie fröhliche Pilze aus dem Boden: es ist wieder erlaubt offen über Gefühle und Ängste zu sprechen. Wir sind glücklich in dieser Zeit des Umbruchs zu leben. Das Leben ist einfach wunderbar...
sg/ap
Und was meinst Du?
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