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Glück ist kein Zufall

Hinter der Sucht: die Ur-Sachen

Jede ernsthafte Sucht hat mit ungelösten Spannungen zu tun. Angst spielt vermutlich eine wesentliche Rolle, aber auch Geltungsbedürfnis und Sicherheitsdenken könnten Auslöser von Suchtverhalten sein. Es besteht immer die Gefahr, dass wir bei der Bekämpfung der Sucht die Sucht auf ein anderes Thema verlagern. Nichts Schlimmes, wenn man eine schwerschädigende Sucht mit einer weniger gefählichen Sucht austauscht.

Dennoch lassen sich Süchte ganz überwinden, auch wenn das Suchtgedächnis sehr lange aktiv ist. (Siehe Suchtgedächnis)

Lassen Sie uns ein wenig über die Sucht nachdenken. In der Öffentlichkeit ist immer von "Suchtproblemen" die Rede. Die verschiedenen Suchtmittel, gleich ob sie illegal oder frei verkäuflich sind, sind nicht wirklich schuld am Suchtverhalten eines Menschen. Sucht kann sich vielfältig äussern, hierzu bedarf es keiner bestimmten Mittel. Ausserdem hat es Suchtstoffe in verschiedenster Art schon immer gegeben und daran wird sich vermutlich auch nichts ändern.

Problematisch dürften weniger die "Sachen" sein, die sich konsumieren lassen, als vielmehr die "Ur-sachen", die zur Abhängigkeit führen. (hier setzt im übrigen die Suchttherapie an). Sämtliche Drogen lassen sich verbieten, dass ändert jedoch nichts an der Quelle des Übels. Das Verbieten von Drogen hat weiter den Nachteil, dass wir die Konsumenten in die Ecke der Verachtung drängen und somit in die Untergrundszene.

Wie und Wo sind die Übel anzupacken ? Wo befindet sich die Wurzel des Suchtverlangens?

Sicherheitsdenken, Angst und Habsucht

Unsere Ängste sind komplexer denn je. Allein das Sicherheitsdenken verdirbt uns gerne die Laune. Wir versuchen uns ständig in Sicherheit zu wiegen und die einzigen, die davon profitieren sind die Versicherungsgesellschaften. Wir wissen, dass wir im Grunde Nichts und Niemanden absichern oder sichern können. Wir können lediglich der Illusion verfallen und daran glauben oder hoffen. Sicher ist tatsächich nur der bevorstehende Tod.

Wir verdrängen unsere Ängste gerne, indem wir zu einem Rauschmittel greifen oder sonstwas in uns hineinstopfen. Auch die Pharmaindustrie hat sich sehr erfolgreich in diesem Mechanismus etabliert. Alle möglichen Pillen und Mittelchen gegen Angst und Depressionen werden heutzutage legal verschrieben -und der Staat verdient dabei kräftig mit (dem Staat sind die lukrativen Seiten der Sucht längst bekannt). Aber wieso denken wir nicht mal darüber nach, dass Problem bei der Wurzel zu packen?

Die Dinge hinzunehmen wie sie sind, wurde uns aberzogen. Wir suchen nach Sicherheit und Kontrolle über Alles und Jeden. Wir in der Initiative stellten uns die Frage: was verursacht unsere Angst. Wir schrieben auf, was uns Angst und Sorgen bereitet, damit wir da mal genauer hinsehen konnten. Schaut man der Angst direkt ins Antlitz, ist ihre Wirkung schon um einiges minimiert, wenn auch nicht ganz verschwunden.

Die meisten Ängste stellten sich als lächerlich heraus. Ja, wir alle können unseren Job verlieren, die Angst schützt uns nicht vor dem Verlust unserer Arbeitsstelle. Wir können nun hinter die Möglichkeiten schauen, "was passiert wenn wir unseren Job verlieren" und daraus ein Horrorszenario basteln (Obdachlosigkeit, Scheidung?, gesellschaftliche Ächtung). Wir können uns allerdings gegen dieses Horrorszenario "absichern", indem wir die Angst vor den Konsequenzen verlieren. Und: sollten wir uns über den Verlust des Arbeitslatzes nicht freuen, da wir nun endlich machen können, was wir gerne tun.., was uns Spass macht... ?

Unser Konsumverhalten hat uns erpressbar gemacht. Industrie, Arbeitgeber und Staat lachen sich ins Fäustchen bei all unseren Ängsten. Wir funktionieren mit Angst behaftet wesentlich besser als angstfrei. Uns werden grosszügig Kredite gewährt und wir rutschen dadurch noch weiter in Abhängigkeiten. Die Wirtschaft braucht viele, viele User, die viele, viele Güter (auf Pump?) kaufen, um überlebensfähig zu sein.

Spielen wir dieses Spiel mit, brauchen wir über die Abhängigkeit nicht zu schimpfen. Um zu überleben, braucht es recht wenig. Bilden wir uns ein, dass wir bestimmte Dinge "brauchen", um beispielsweise Eindruck zu erwecken oder glücklich zu sein, so sollten wir uns im vorraus Gedanken darüber machen, dass der Preis, welchen die Dinge tatsächlich haben, sehr hoch ist. Oft geben wir unsere Freiheit im Tausch dafür her.

Angst lässt sich entzaubern...

Geltungssucht

Das materielle Sicherheitsdenken entspricht auf seelischer Ebene dem Geltungsbedürfnis. Neben dem Wunsch auf existenzielle Sicherheit gibt es das -durchaus legitime- Bedürfnis angenommen zu werden.

Der Hunger nach Anerkennung wird besonders eindeutig, wenn wir vermuten, dass wir zu kurz kommen, dass wir weniger Anerkennung bekommen, als wir verdient hätten. Geltungsbedürfnis nimmt schnell suchtartige Züge an. Wir versuchen uns mit untauglichen Mitteln Geltung zu verschaffen.

Lenken wir die Aufmerksamkeit auf uns durch auffälliges Benehmen, Strebertum oder Imponiergehabe so werden wir "abhängig" von der Gunst der Anderen. Wir passen uns an und unterwerfen uns und sobald der Applaus wegfällt drohen uns Entzugserscheinungen. Wir setzen uns so selbst unter Druck und wir unternehmen Dinge nur um diesem Entzug zu entkommen; und oft macht uns dieses Imponiergehabe nicht einmal Spass...

Diese Sucht- und Fluchtmechanismen wurzeln in dem Bedürfnis unsere Existenz seelisch oder materiell abzusichern. Unsere unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit könnte der Urgrund aller Suchterscheinungen sein -denken Sie darüber bitte mal kurz nach.

Liebes- und Lebensersatzmittel

Unser Lebenshunger lässt sich immer nur annähernd befriedigen. Wir wissen, es könnte immer noch schöner, besser und grösser sein. Was machen wir nun mit dem unbefriedigten Rest des Lebenshungers? Unser Dasein ist nicht ausschliesslich von Wohlwollen und Anerkennung geprägt. Unser Leben und Zusammenleben ist von Unsicherheit, Entbehrungen (nicht nur materiellen), Spannungen, Auseinandersetzugen und Konflikten geprägt. Diesen Spannungen oder diesem Druck auf Dauer Stand zu halten ist schwierig. Wer kennt nicht die Situationen, wo wir am liebsten wegrennen würden?

Es scheint leicht zu sein seelischen Kummer oder Schmerz mit Mitteln oder Ersatzhandlungen zu beheben. Innerer Unlust und Leere versuchen wir aus dem Weg zu gehen -was durchaus verständlich ist. Doch: wieso schauen wir nicht hinter die Fassade und nehmen die Unlust oder Leere mal genauer unter die Lupe... (Der Verlust des Arbeitsplatzes kann sich als sehr gesundheitsfördernd erweisen, neue Perspektiven eröffnen... )

Glück, Liebe und Zufriedenheit kann man weder essen, noch trinken. Ebensowenig hilft uns das Inhalieren oder Spritzen von irgendwelchen Substanzen. Wir können das Glück auch nicht kaufen, gleich ob beim Apotheker oder beim Porschehändler. Glück und Zufriedenheit lässt sich von aussen nicht erzwingen, erschwerend erzeugt Druck immer Gegendruck -das ist eine physikalische Tatsache.

Wogegen früher kein Kraut gewachsen war, da man zum Teil das Problem noch nicht kreiiert hatte, gibt es heute Pillen, Pulver oder Industrieprodukte je nach Bedarf. Die Konsummöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt und die meisten Mittelchen und Produkte sind (zu unserer aller Übel) auch noch erschwinglich, weswegen der Bierpreis in Bayern eine Verfassungsangelegenheit ist.

Die Pharmaindustrie, wie auch die restliche Konsumgüterindustrie und auch die Drogenbarone freuen sich über unser infantiles Verhalten. Sie zeigen uns mittels Werbung nicht nur unsere Makel, sondern sie zeigen uns auch wie wir dagegen vorgehen können. Ist das Glas mit dem richtigen Mittel gespült, klappts auch mit der Nachbarin, bzw. dem Nachbarn. Die kreativen Werbeabteilungen finden das passende Problem schon, seien Sie nur aufmerksam. Haben wir das Produkt konsumiert, wird das Gegenprodukt verkauft und irgendwann profitieren dann die Apotheker, Wirtsleute oder Ärzte. Alles eine Frage der Organisation...

Für die Liebe und das Leben gibt es keinen Ersatz. Erst wenn wir aufhören uns mit den Ersatzhandlungen zu begnügen haben wir eine Chance auf den wahren Genuss... und dieser Genuss lässt Ängste schwinden...

Langeweile -im Westen nix los ?

Langeweile ist für viele von uns unerträglich. Sobald nichts passiert entsteht eine Leere. Um sich davor zu schützen greifen wir nach Süssigkeiten, Musik oder sonstiger Ablenkung. Von was lenken wir uns ab? Von dem Leben?

John Lennon schrieb: "Das Leben findet statt, während wir mit anderen Dingen beschäftigt sind". Wir können es der Abhängigkeit von "Was-auch-immer" verdanken, dass wir nicht mehr in der Lage sind den Moment konsumfrei zu gestalten.

Während der Arbeit freuen wir uns auf den wohlverdienten Feierabend, um nach Feierabend das Leben zu geniessen. So mancher Zeitgenosse hat wiederum längst aufgehört sich am Feierabend zu erfreuen (die Gedanken an den nächsten Arbeitstag sind zu präsent), stattdessen siecht er der Zeit des Vorruhestandes oder der Rente entgegen.

[In beiden Fällen freut man sich auf einen Zeitpunkt in der Zukunft, von dem wir nicht wissen, ob er je eintreten wird]

Am Abend konsumieren wir dann Allerhand. Am liebsten Geschichten, die von anderen Köpfen aus Eigennutz erfunden wurden. Wir betrachten unsere Helden oder Versager und erfreuen uns an deren Leistungen bzw. an deren Versagen. Wir reden sogar tags darauf über unsere Helden im Büro, leider vergessen wir dabei eigene Abenteuer zu erleben und zu geniessen.

Der Industrie ist durchaus bewusst, an welche Hoffnungen wir uns gerne klammern. Die Industrie lacht, während unsere Jahre langsam -aber sicher- vergehen.

Quo vadis

Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Schutz vor Suchtanfälligkeiten aller Art. Wir brauchen weder tolle Geschenke, noch sonstigen Firlefanz. Wir brauchen lediglich Anerkennung, Geborgenheit und Liebe, damit in unser Leben Zufriedenheit einkehren kann, nicht nur für oder von anderen, vor allem auch für uns selbst. Wir wollen ernst genommen werden, aber wer nimmt uns Ernst, wenn wir uns so derart töricht benehmen und uns von der Industrie freiwillig (!) so abhängig machen? Wer schaut zu einem Junkie herauf? Bestenfalls ein anderer Junkie...

Wir sind alle mehr oder minder süchtig. Dennoch ist es ein Unterschied, ob ich mir die Zeit mit Kartoffelchips oder Heroin vertreibe. Unsere Schwächen sind allesamt menschlich. Nur kann die eine oder andere Schwäche tödlich sein. Fernsehen macht auf Dauer sicher dumm, doch in vielen Fällen ist es vermutlich das Kleinere Übel (wobei ich mir hier nicht so sicher bin).

Und sonst ?

Ich (der Verfasser dieses Artikels) bin gegen sämtlich oben aufgeführte Laster ebensowenig immun, wie vielleicht auch Sie, und zu allem Überfluss bin ich ausserdem noch gnadenlos optimistisch. Ich sehe meine Tendenz und ich erkenne eine ähnliche Tendenz in der Gesellschaft. Es tut sich was. Nicht umsonst sind Esoterik, Religion und sonstige Heilbringer zur Zeit auf dem Vormarsch. Nicht, dass wir uns dort anschliessen wollen (was uns gelegentlich unterstellt wird), aber es ist durchaus legitim sich Gedanken darüber zu machen, was einen unzufrieden macht und neue wege zu beschreiten.

Eine winzige Erkenntnis könnte sämtliche Probleme in dünne Luft auflösen und die Antwort schlummert in Dir und wartet auf Erlösung. Es gibt viel zu tun... lassen wir es sein ;-)

oder?

Kritik und Feedback

sg/ap


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