Die fetten Jahre...
[Achtung: In der Rubrik "Über uns" geben wir unsere persönlichen Meinungen und subjektiven Empfindungen wieder; diese sollten daher nicht Ernst genommen werden] Tabuthema Vergangenheit
Als wir das Projekt Sonderglocke begangen ließen wir Sweat-Shirts drucken mit dem Slogan "Die fetten Jahre sind vorbei?" Damals kam der gleichnamige Film in die Kinos...
Einige von uns befanden sich noch in Therapie und trugen dieses Kleidungsstück in der Klinik. Als die Leiterin der Einrichtung das Slogan sah, drückte sie die Alarmglocke (Sonderglocke) und läutete eine Sonderkonferenz ein. Es wurde eine Großgruppe abgehalten zu der alle zu erscheinen hatten. Was war passiert...?
Verherrlichung von Sucht
Ingrid, die Klinikleiterin, wollte eine Stellungnahme von uns, was das drogenverherrlichende Slogan angeht. (Damit hatten wir gerechnet, da sie schnell hysterisch wurde, wenn es um die Genesung ihrer Giftler ging). Sie hatte das Fragezeichen am Ende des Zitates jedoch übersehen. Wir wollten mit unserer Aussage provozieren. Unser Gegenüber sollte sich mit der Frage beschäftigen. Waren die Fetten Jahre mit dem Beginn der Abstinenz vorbei?
Die Frage aller Fragen
Ist die "gute" alte Zeit mit dem Beginn der neuen Nüchternheit vorrüber? Unser Hirn hat unsere gesamte Suchthistorie gespeichert. Die guten, aber auch die weniger guten Momente. Seltsamerweise beschäftigen sich selbst die grössten Pessimisten unter uns Süchtigen lieber mit den positiven Aspekten ihrer Suchtvergangenheit. Und in der Tat: es gab gute Tage im Rauschzustand, bis zu dem Zeitpunkt, als die Droge die Alleinherrschaft übernahm. Als sich alles nur noch um den Stoff, spätestens dann hört der Spassfaktor auf. Und unter uns: die fetten Tage sind nicht vorbei -sie haben gerade erst begonnen ;-)
Sonnenaufgang
Täglich stehe ich mit der Sonne auf. Ich quäle mich nicht aus dem Bett, wie früher, sondern springe und erlebe dabei einen Glückszustand nach dem Anderen. Ich freue mich auf den Tag, obwohl ich nicht weiß, ob er etwas "bringt", zu was er gut ist. Ich kenne nicht die Zukunft, ich weiss nicht was im Laufe des Tages geschehen wird, aber seltsamerweise bin ich glücklich. Ich stehe auf und bin zunächst dankbar. Dankbar für dieses Leben, das mir geschenkt wurde, das Leben gegen das mich ich mich jahrelang wehrte. Ich bin verklemmt und benutze daher nicht das Wort "Gott". Ich danke irgendetwas, irgendjemandem und sei es der Krähe, die gerade zufrieden auf meinem Fenstersims sitz.
Lebenslust
Die fetten Jahre haben mit der Trockenheit, dem Entzug, begonnen! Nie zuvor erlebte ich den Tag so intensiv. Lebenslust törnt wesentlich besser als jede andere Substanz (und der Autor hat das Gros davon ausprobiert). Den Sonnenaufgang nimmt man nicht mehr als Bild wahr, sondern man ist ein Teil dieses Spektakels. Man geht gemeinsam mit der Sonne auf und der Tag ist plötzlich Dein Freund und nicht mehr Feind.
Zwitschernde Vögel, die Röte am Firmament, Neubeginn, aber auch die laute Geräuschkulisse der benachbarten Baustelle und die Lärmverursachenden Müllmänner erscheinen nüchtern betrachtet in einem neuen Licht. Das Leben ist einfach nur geil und es ist mir ein Rätsel warum ich das jetzt erst erkenne. Selbst die Mahnbescheide, die bevorstehende Gerichtsverhandlung, die Scheidung und sogar der immer schlecht gelaunte Hausmeister kann mein Lebensglück nicht trüben. Ich bin einfach nur grundlos und wunschlos glücklich -möge mir die Gesellschaft verzeihen.
Prinzip: Glück
Ich lebte immer nach Vorgaben. Meine Familie hatte eine bestimmte Vorstellung von meinem Leben. Die Lehrer redeten auf mich ein. Später erwartete mein Arbeitgeber gewisse Verhaltensweisen und wollte ich mich abends amüsieren musste ich beim anderen Geschlecht auch punkten, um zum Zuge zu kommen...
Dann gab es noch die Gesellschaft. Sie suggeriert einem wie man zu Leben hat, wenn wenn dazugehören will. Da ich nie die Absicht hatte (ausser in Phasen schleierhafter Wahrnehmung) als Eremit zu leben, versuchte ich mich anzupassen. Das gelang zuweilen ganz gut. Meine Arbeit machte ich gut und wurde dementsprechend bezahlt, ich wohnte in Grünwald (bei München) und hatte als Nachbarn Profifußballer und Bankdirektoren, nachts zog ich um die besten und teuersten Häuser Münchens und da ich mit einem akzeptablem Körper ausgestattet wurde kam es zu einigen Äffären, die "sich sehen lassen konnten"; berichtenswert finde ich sie heutzutage nicht mehr.
Alles in Allem lief das Leben nach Plan, aber leider nicht nach meinem...
Der ehrenwerte Mann
Ein Unglück kommt selten allein. Ich schien alle zu befriedigen nur nicht mich selbst. Ich besaß die Dinge, die laut Werbung wichtig sind und ich tat was die Gesellschaft von mir erwartete. Glücklich wurde ich seltsamerweise dabei nicht. Der Flucht in Drogen und Alkohol war eine logische Konsequenz. Ausserdem akzeptierte die Gesellschaft Süchtige, sofern sie noch (für die Gesellschaft) funktionierten. Ich funktionierte, also wahr ich...
Die Drogen stellten mein Weltbild in Frage. Sie übernahmen meinen Willen sukzessive und präsentierten mir eine neue Wirklichkeit. Eine Ebene, die mir bis dahin verschlossen blieb. Ich begann alles in Frage zu stellen, was mir bis dahin heilig war. Kein Wunder: Mein Hirn hatte den Focus auf die Suchtstoffe verlagert. In der Droge schien die ganze Wahrheit zu stecken und die weltlichen Dinge verloren ihren Glanz, wofür ich heute sehr dankbar bin. Nur verherrliche ich hier nicht die Drogen, sondern die neue Weltsicht: Die Welt und das Leben sind wunderbar, trotz der vielen Hiobsbotschaften auf allen Kanälen.
... und das ich kein ehrenwerter Mann mehr bin, auf den Lehrer, Familie, Hund, Katze und Gesellschaft
stolz sind ist ein fairer Preis, den ich für meine neue Freiheit gerne bereit bin zu zahlen.
Gerechtigkeit
Allen gerecht zu werden und dabei noch glücklich und zufrieden den Tag beginnen und zu bestreiten geht nicht. Also habe ich mich für das Glück entschieden. Nach eigennütziger Bravour. Die Meinung meiner Mitmenschen berührt mich nur peripher. Diejenigen, die mich mögen oder gar lieben, wissen mich zu schätzen und den Anderen begegne ich am ehesten mit Mitleid.
Heute versuche ich der Welt und dem Leben gegenüber gerecht zu werden. Ich weiß all die wunderbaren Dinge und Momente, die mich permanent umgeben, zu schätzen. Ich bin offen für lachende Gesichter, obwohl mir traurige Augen nicht verborgen bleiben... (gerade rief Beata an)
Auch wenn ich immernoch nicht weiß, was die Welt zusammenhält, so habe ich dennoch einiges erkannt. Ob ich dabei Recht habe oder nicht ist unwesentlich. Gott, sofern es einen gibt, scheint im Detail zu stecken. In den kleinen Dingen scheint er mir präsent zu sein. Er gibt mir Glück und Hoffnung, Parameter die beim Betrachten der Weltpolitischen Lage eher absurd sind. Seis drum.
Dieses Glück schafft wiederum Zufriedenheit, mit mir selbst und mit anderen. Wenn mich nicht alles täuscht ist dies auch die Vorraussetzung für Liebe, womit sich der Kreis der Irrationaltäten langsam schliesst.
Lapsus
Ich wollte hier nicht über Gott, Liebe, das Glück und das süße Leben berichten. Entschuldigen Sie bitte diesen Vorfall; es ergab sich zufällig. Das Thema ist nach wie vor Sucht. Bleiben wir also am Ball. Nun gehe ich mit unserem Hund spazieren und freue mich schon auf die nächsten Zufälle. Danach erläutere ich Ihnen, warum das Leben schön ist ...weiter
sg/ap
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