Süchtig nach Pillen - wer sind die Schuldigen
von Hans Weiss
Teil II
Was gilt jetzt? Fünf Prozent? Sechs Prozent? Acht Prozent? Wir sollten das im Auge behalten: Wenn beim Thema «Medikamentensucht» Zahlen angegeben werden, dann sind das immer nur Orientierungsgrössen, aber keine genauen Angaben.
Mothers little helpers
Und nun zum eigentlichen Thema meines Artikels: Wer sind die Schuldigen? Sind es die Medikamente selbst? Sehen wir uns als erstes die verschreibungspflichtigen Mittel an. Das grösste Problem bei der Medikamentensucht stellen nach wie vor die Benzodiazepine dar. Das ist eine Gruppe von Wirkstoffen, die hauptsächlich als Beruhigungs- und Schlafmittel verwendet werden. Berühmte Markennamen sind etwa Valium oder Librium, aber es gibt inzwischen Dutzende von Präparaten auf dem Markt.
Benzodiazepin-Wirkstoffe wurden im Jahr 1960 auf den Markt eingeführt, ich vermute in den USA. Dort wurden sie auch sehr schnell zum Renner und erhielten den Kosenamen «mothers little helpers», Mamas kleine Helfer. Die Werbung zielte ganz klar von Anfang an auf die Frauen. Die erste Veröffentlichung über einen Missbrauch gab es vier Jahre nach Markteinführung, also 1964. Wegen der ausserordentlich weiten Verbreitung in den USA und wegen der Suchtgefahr verfügte die amerikanische Arzneimittelbehörde in den 70er-Jahren Einschränkungen. Daraufhin ging der Verbrauch zurück.
In Deutschland hingegen wurde das Suchtpotential von Benzodiazepinen erst Anfang der 80er-Jahre ein öffentliches Thema. Ich möchte daran erinnern, dass noch vor wenigen Jahren Benzodiazepine zahlreichen Medikamenten beigemischt waren und bei den unterschiedlichsten Krankheiten verwendet wurden: Etwa bei Klimakteriumsbeschwerden, bei Angina pectoris oder bei Depressionen.
Im Zusammenhang mit der Erstausgabe des Buches «Bittere Pillen» im Jahr 1983 erinnere ich mich an die heftige Kritik von Ärzteseite, wegen unseren Warnungen über die Suchtbildung. Das sei alles übertrieben. Seither sind zu diesem Thema unzählige Veröffentlichungen erschienen - sowohl in Fachpublikationen als auch in der Laienpresse. Diese Warnungen und Appelle haben letztlich dazu geführt, dass der Verbrauch solcher Mittel deutlich gesunken ist.
Man kann davon ausgehen, dass derzeit etwa 800.000 bis etwa 1,2 Millionen Deutsche Benzodiazepin-süchtig sind. Auf alle Fälle liegt diese Zahl weit über der Zahl der harten Drogensüchtigen.
Weitere verschreibungspflichtige Medikamente
mit Suchtpotential
Ein weiteres bedeutsames Arzneimittel mit Missbrauchs- oder Suchtpotential ist Codein, das in zahlreichen Schmerz-, Migräne- und Hustenmitteln enthalten ist, in teilweise unsinnigen Mischungen. Codein wird wegen seiner euphorisierenden Wirkung missbraucht. Als Monosubstanz kann es auch zur Substitutionstherapie bei Drogensüchtigen verwendet werden.
Ein spezielles Problem in Deutschland und Österreich - ich weiss nicht, ob das auch auf die Schweiz zutrifft - stellen die opioidhaltigen Schmerzmittel dar (zum Beispiel Tramal, Valoron N und andere). Ich spare mir eine detaillierte Aufzählung, weil die Zahl der Verschreibungen im Vergleich zu den Benzodiazepinen nicht sehr hoch ist. Diese Mittel werden üblicherweise zur Behandlung starker Schmerzen bei Schwerkranken verwendet. Hier besteht nicht das Problem, dass sie zu häufig, sondern generell zu selten verwendet werden. Ursache dafür sind wahrscheinlich Ängste der Ärzteschaft vor der Suchtbildung als auch die strengen rechtlichen Vorschriften bei der Verschreibung. Bei diesen Sucht bildenden Medikamenten besteht also weniger das Problem des Missbrauchs, sondern das Problem der Unterversorgung.
Auch rezeptfreie Medikamente können
(oder sollen?) süchtig machen
Es gibt aber auch rezeptfreie Arzneimittel mit Missbrauchs- bzw. Suchtpotential: In Deutschland wird etwa jede dritte Arzneimittelpackung ohne Rezept abgegeben. Für unser Thema stellen rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel-Kombinationen das grösste Problem dar. Solche Kombinationen enthalten in der Regel Koffein.
Das beliebteste, am häufigsten verwendete Arzneimittel in Deutschland ist Thomapyrin. 21 Millionen Packungen werden jedes Jahr geschluckt. Dieses Medikament ist auch in Österreich und in der Schweiz erhältlich. Fachleute vermuten, dass Thomapyrin seinen Spitzenplatz in Deutschland nur deshalb erreicht, weil es «gedopt» ist - mit einem anregend wirkenden Stoff, der zu Missbrauch verführt: eben mit Koffein. Wer nach längerem Gebrauch von Thomapyrin versucht, dieses Mittel abzusetzen, wird Entzugskopfschmerzen bekommen. Das verführt dazu,
das Mittel erneut zu schlucken. Die Folgen können gravierend sein: Weil Thomapyrin eine Kombination von zwei verschiedenen Schmerzmitteln enthält - Acetylsalicylsäure und Paracetamol -, besteht die Gefahr, dass nach jahrelangem Missbrauch auch die Nieren geschädigt werden. Letzten Endes kann das sogar zum Verlust der Niere führen und damit enden, dass man eine Dialyse braucht.
Es gibt in Deutschland nicht nur Thomapyrin, sondern eine Reihe von weiteren Koffein-haltigen Schmerzmitteln. Insgesamt werden davon jährlich etwa
40 Millionen Packungen verbraucht.
Die Folge: Fachleute schätzen, dass 10 - 15 Prozent aller Dialyse-Fälle auf das Konto des langjährigen Missbrauchs solcher und anderer Schmerzmittelkombinationen gehen. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Etwa 4.500 bis 6.500 Fälle.
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Quelle: sd-sargans in Zusammen-
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