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Sonderglocke Spezial: Sucht auf Rezept


Irreführung
Von Peter Schönhöfer

Durch Management-Fehlentscheidungen in den 70er und 80er Jahren hat sich die Pharmaindustrie der Fähigkeiten zu echten innovativen Leistungen beraubt - auch wirtschaftlich, weil nur etwa zehn Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung gehen, aber 40 Prozent ins Marketing und 25 Prozent in den Profit.

Von 1990 bis 2002 wurden weltweit etwa 400 neue Wirkstoffe vermarktet, von denen aber nur sieben echte Innovationen für die Therapie sind und 20 bis 25 Schrittinnovationen meist für Patienten in der Klinik. 370 neue Wirkstoffe (92 Prozent) sind Kopien bereits vorhandener Arzneimittel ohne Zusatznutzen, also Scheininnovationen.

Die Pharmaindustrie benötigt Scheininnovationen nicht nur, um den Konkurrenten Umsatz abzujagen, sondern um die Preise durch die angebliche Neuerung erhöhen zu können, oft um das drei- bis zehnfache. Diese Produkte halten aber keinem Qualitätswettbewerb stand. Deshalb muss das Pharma-Marketing bei der Vermarktung auf Irreführung und Korruption zurückgreifen:

  • Fälschung und Manipulation klinischer Daten und Studienergebnisse,
  • irreführende, desinformative Werbung,
  • Umfunktionierung ärztlicher Kongresse und Fortbildung in Marketing-Shows,
  • Anheuern von professoralen Experten und Meinungsbildnern für Marketing-Veranstaltungen,
  • Korrumpierung von Fachgesellschaften, Expertengremien, Leitlinienautoren und verordnenden Ärzten durch direkte oder indirekte Vorteilsgewährungen,
  • Finanzierung von Selbsthilfegruppen zur Nutzung als Marketing-Agenten,
  • Unterlaufen des Preiswettbewerbs unter Generika durch Naturalrabatte an Apotheken.

Im Jahre 2004 führte die Pharmaindustrie 34 neue Wirkstoffe ein, von denen 32 Scheininnovationen und nur zwei möglicherweise Schrittinnovationen sind. Trotzdem steigen 2005 die Arzneimittelkosten um 20 Prozent. Dies belegt, wie verhängnisvoll effektiv die Strategien des Pharma-Marketings bei den Fachkreisen wirken. Unzureichend erprobte, überteuerte Scheininnovationen verdrängen erprobte und durch lange Anwendungspraxis abgesicherte Standardtherapeutika. Ärztefunktionäre sind sich dabei nicht zu schade, angebliche Verbesserungen der Verträglichkeit durch Scheinneuerangen zu behaupten, für die es keine Langzeit-Sicherheitsstudien gibt.

Ein bedrückendes Beispiel für risikoreiche Scheininnovationen sind Kunstinsuline, bei denen experimentelle Studien auf Förderung von Krebswachstum und Sehstörungen hinweisen. Die Information über vermehrte Sehstörungen beim Menschen wird in einer Zulassungsstudie verschwiegen. Langzeitstudien zur Überprüfung des Krebsrisikos wurden von den Behörden, die heute weitgehend von Pharma-Geldem (Gebühren) leben müssen, gar nicht erst angeordnet. Wir wissen also nicht - und werden es für Jahre nicht wissen - ob Diabetiker, die mit scheininnovativen Kunstinsulinen behandelt werden, vermehrt an Krebs oder Blindheit erkranken.

Die Praktiken des Pharma-Marketings verhindern also die optimale Therapieauswahl in der Medizin und beeinträchtigen so die Qualität der Gesundheitsversorgung. Der Verbraucher kann sich dadurch schützen, dass er sich einen Arzt sucht, in dessen Verordnungen erprobte Arzneimittel dominieren und Scheininnovationen fehlen.


Quelle: Weser Kurier vom 21.08.05


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