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Sonderglocke Spezial:
Sucht auf Rezept

Mother's Litte Helpers

von Barbara Lukesch

In Krisensituationen können Schlaf- und Beruhigungsmittel eine echte Hilfe sein. Doch was, wenn die kleinen Helfer aus der Pillenschachtel zur Sucht werden? Und warum werden vor allem Frauen von ihnen abhängig?

Alles wurde ihr irgendwann zu viel: der Haushalt, die Betreuung der betagten Mutter, das Teilzeitpensum als Hauspflegerin. Dazu kamen gesundheitliche Probleme. Ursula V.* musste sich die Gebärmutter entfernen lassen und geriet in der Folge in eine tiefe Krise: «Ich war körperlich geschwächt und litt unter dem Gefühl, keine richtige Frau mehr zu sein. Trotzdem sprach ich mit niemandem über meine Sorgen.» Dass ihre drei Kinder ausgerechnet in dieser Zeit von zu Hause auszogen, machte alles noch schlimmer. Doch statt sich nach dem Spitalaufenthalt eine Erholungspause zu gönnen, stürzte sich die 54-Jährige sofort wieder in die Arbeit - und drehte bald wieder im roten Bereich. Als ihr dann eine Bekannte ein Beruhigungsmittel anbot, schluckte sie es, obwohl sie nie in ihrem Leben Medikamente genommen hatte. «Ich wollte meine Arbeit perfekt machen», sagt sie, «und mit den Tabletten ging das besser.»

Von nun an liess sie sich von ihrem Hausarzt regelmässig Beruhigungs- und Schlafmittel verschreiben. Liess die Wirkung des einen Präparats nach, gab ihr der Arzt auf ihre Bitte hin ein stärkeres. Die Tabletten lagen inzwischen lose in ihrer Handtasche, stets griffbereit; längst würgte sie sie ohne Wasser herunter. «Damals war ich zwar nicht mehr ich selber», sagt sie, «aber ich funktionierte, und der Haushalt war immer in Ordnung.» Fast sieben Jahre lang konnte sie ihre Tablettenabhängigkeit verstecken. Nicht einmal ihre eigene Familie erkannte, wie es um sie stand.

Medikamentensucht ist ein stilles, unsichtbares Leiden, das in unserer Gesellschaft nahezu keine Beachtung findet. Dabei sind gemäss Schätzungen der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs (Züfam) 60 000 bis 120 000 Menschen in der Schweiz davon betroffen, weitere 150 000 gelten als gefährdet. Nur die Zahl der Alkoholkranken, die rund 300 000 beträgt, ist grösser. Von harten Drogen wie Heroin und Kokain sind nur 30 000 abhängig.

Medikamentensüchtige schlucken vor allem Benzodiazepine, die in vielen gängigen Schlaf- und Beruhingsmitteln enthalten sind, also psychoaktive Substanzen mit einem hohen Suchtpotenzial, von denen sie sich Beruhigung und damit Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags versprechen. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen zwischen vierzig und sechzig Jahren. Benzos, wie sie im Medizinerjargon heissen, sind von jeher Frauendrogen. Schon 1968, wenige Jahre nach ihrer Markteinführung, besangen die Rolling Stones «Mother's Little Helper», die kleine Pille, die frustrierten Hausfrauen helfen soll, ihren tristen Alltag zu ertragen.

Bis heute sind die oft doppelt- und dreifach belasteten Hausfrauen und Mütter besonders anfällig für diese Gehilfen. Sie fühlen sich von der Gesellschaft gering geschätzt, sind finanziell meist abhängig und in ihrer Not oft einsam und isoliert. Die sich daraus ergebenden Befindlichkeitsstörungen äussern sich in Symptomen wie Herzklopfen, Schwindel und Schlafstörungen, aber auch Niedergeschlagenheit, Gereiztheit, Unruhe und allerlei Ängsten. Mit dem Beginn der Wechseljahre nehmen diese Beschwerden häufig an Intensität zu.

Wenn dann noch ein Elternteil pflegebedürftig wird, ein nahe stehender Mensch stirbt, der Mann den Job verliert oder die Scheidung einreicht, kann es zu einer akuten Krise kommen, der Griff zu den Beruhigungspillen liegt dann nahe. Aber auch jüngere Frauen sind nicht gefeit: Sie geraten nicht selten nach einer Geburt in eine solche Lage: Körperlich erschöpft, vielleicht sogar deprimiert und überfordert von der neuen Aufgabe, stehen sie vor einer schwarzen Wand und wissen nicht weiter.

Doch der Alltag muss bewältigt werden. Auszeiten für erschöpfte Mütter, Töchter oder Ehefrauen gibt es nicht. Da kommt das «Mittelchen», das der Hausarzt willig verschreibt, wie gerufen. Dankbar nahm auch Ursula V. das Rezept entgegen, schluckte die Pillen ohne Gewissensbisse. «Es geht ja nur um die kurzfristige Stabilisierung meiner Psyche», redete sie sich damals ein. Über Jahre hinweg dopte sie sich schliesslich, um ihre Funktionstüchtigkeit und Leistungskraft zu erhalten.

Medikamente passen als Drogen zu Frauen vor allem deshalb, weil sie sauber, legal, unauffällig konsumierbar und vermeintlich kontrollierbar sind. Wer Pillen schluckt, hat keine Fahne, randaliert nicht und muss nicht kriminell werden, um sich den Stoff zu beschaffen. Ausserdem spielen Medikamente von früh an eine Rolle im Leben der Frauen, sagt die Berner Gesundheitswissenschafterin Claudia Meier. Bereits als Jugendliche schlucken sie Pillen zur Empfängnisverhütung und gegen Menstruationsbeschwerden. Während der Schwangerschaft nehmen sie Aufbaupräparate und in der Menopause Hormone zu sich. «Viele Frauen betrachten den Konsum von Medikamenten als normalen Bestandteil ihres Lebens», sagt Claudia Meier, «und ein Grossteil der Ärzte sieht das ebenso.»

Kommt nun also eine Mittvierzigerin zu ihrem Hausarzt und klagt über innere Unruhe, Schlafstörungen oder diffuse Ängste, wird der Griff zum Rezeptblock schon fast zum Reflex. Eigentlich spricht nichts dagegen, die Patientin mit ein paar Tabletten schnell und wirksam von ihren Nöten zu befreien.

Tatsächlich sind Benzodiazepine hoch wirksam und zeigen sozusagen keine Nebenwirkungen und Folgeschäden - solange sie nur für kurze Zeit eingenommen werden. «Die Benzos sind ein Segen für Menschen in einer akuten Krise, mit schweren Angstzuständen oder Suizidgedanken», sagt Martina Scheibel, Psychiaterin in der Klinik Wysshölzli, einer Spezialeinrichtung für Frauen mit Abhängigkeitserkrankungen. Dies zeigt das Beispiel von Verena H.*: Als ihr Mann einen schweren Motorradunfall erlitt und tagelang zwischen Leben und Tod schwebte, geriet die 38-Jährige in Panik, verzweifelte schier und musste dennoch den Alltag mit ihren beiden Kindern meistern. In die-ser Situation schluckte sie während einer Woche Tranquilizer: «Nur so konnte ich dem Druck und der inneren Spannung widerstehen», sagt sie, «ich war dankbar, dass ich mich so einigermassen auf den Beinen halten konnte.»

Allerdings besteht die Gefahr, dass es nach ein, zwei Wochen nicht mehr gelingt, die Finger von der Tablettenschachtel zu lassen. «Das ist der Knackpunkt, an dem sich entscheidet, ob jemand in die körperliche Abhängigkeit abrutscht», sagt Etienne Maffli von der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. Im Wissen um diese Gefahr wurden die Benzodiazepine dem Schweizer Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Damit verbunden sind unter anderem klare Empfehlungen, die die Ärzte verpflichten, Benzos für maximal einen Monat zu verschreiben.

Doch daran halten sich längst nicht alle. Gemäss einer «Pilotstudie zur Rezeptierung von Benzodiazepinen in der Schweiz», die die Züfam 2003 in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Institut für Suchtforschung herausgegeben hat, waren rund dreissig Prozent der untersuchten Rezepte nicht gesetzeskonform. Interessant ist ausserdem, dass die Rezepte um so sorgloser ausgestellt wurden, je älter die Patientinnen und Patienten waren.

Nun lässt sich allerdings die weit verbreitete Medikamentenabhängigkeit nicht allein den Medizinern und Apothekern mit ihrer largen Verschreibungs- und Abgabepraxis anlasten. Erika Haltiner von Züfam weiss aus ihrer Beratungstätigkeit, dass sich viele Betroffene ihren Stoff mit allerlei Tricks ergattern. Die einen betreiben so genanntes Ärzte-Hopping und lassen sich von verschiedenen Ärzten parallel Rezepte ausstellen. Auch Ursula V. war in den schlimmsten Phasen ihrer Sucht auf drei Quellen angewiesen, die sie sich problemlos erschloss. «Ich musste mich bei der jeweils ersten Konsultation nur darüber beklagen, dass es mir schlecht ging und dass ich nervig war», erinnert sie sich, «und schon stellten mir die Ärzte, einer nach dem anderen, ein Rezept für die Beruhigungstabletten aus.» Dass diese Mittel abhängig machen, habe ihr nie jemand gesagt. Und auf andere Möglichkeiten der Behandlung habe sie auch keiner aufmerksam gemacht. Mit der Zeit brauchte sie nur zu telefonieren, um ein frisches Rezept zugeschickt zu bekommen.

Hansueli Späth, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, kennt das Problem des Ärzte-Hoppings: «Da kommt eine Patientin, die erzählt, sie brauche hin und wieder, aber wirklich nur ganz selten, ein halbes Beruhigungstablettli. Ob sie nicht ein Rezept haben könne. Woher soll ich wissen, dass sie vor zehn Tagen bei einem Kollegen das gleiche Spiel gespielt hat?» Ausserdem seien Tablettenabhängige, so Späth, gut integrierte Personen, denen man ihre Sucht, anders als dem schweren Alkoholiker, nicht ansehe.

Damit steigt die Gefahr, dass der Konsum ausser Kontrolle gerät. Wer dazu ständig die Dosis steigert, die Wirkung zusätzlich mit Alkohol oder harten Drogen intensiviert, kann abstürzen wie ein Heroinjunkie.

Das passiert allerdings nur einer Minderheit. Die Mehrheit steckt in einer so genannten Low-Dose-Abhängigkeit und schluckt über Jahre täglich eine, vielleicht zwei Beruhigungs- oder Schlaftabletten. Experten streiten darüber, ob dieses Konsummuster als Sucht zu taxieren sei, da ihm das Merkmal der Dosissteigerung abgehe.

Die Diskussion erscheint akademisch. Denn zur körperlichen Abhängigkeit kann auch diese kontrollierte Form von Medikamentenkonsum führen. Dazu geraten die Betroffenen schleichend, ohne es selbst zu realisieren, in einen Zustand der Teilnahmslosigkeit und emotionalen Abstumpfung. Sie nehmen ihre Umwelt oft «wie durch ein Milchglas» wahr und büssen damit ein erhebliches Stück an Lebensqualität ein - aber sie funktionieren.

Genau das ist einer der Gründe, wa-rum die Medikamentensucht selten zum öffentlichen Thema wird. Die Betroffenen verhalten sich angepasst und verursachen wenig Kosten. Die Hausfrauen und Mütter tun klaglos ihren Job. Kommt dazu, dass die Medikamentensucht ein lukratives Geschäftsfeld ist. Die Pharmaindustrie erzielte im Jahr 2003 in der Schweiz mit Schlaf- und Beruhigungstabletten einen Umsatz von knapp 70 Millionen Franken (basierend auf Fabrikpreisen).

Es sind Fachstellen wie Züfam oder «Berner Gesundheit», die den Kampf gegen die so genannt saubere Sucht aufgenommen haben. Beide bieten Diskussionsrunden für Frauen zu Themen wie Wechseljahre, Auszug der Kinder, Schönheit und Altwerden an, die in einem ersten präventiven Schritt zur Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins beitragen sollen. Der eigentlichen Suchtbekämpfung dient das gemeinsam publizierte Heft «Bella Donna», das in einer Auflage von 70'000 Exemplaren verteilt wurde. Es beinhaltet Fallbeispiele, Tipps, Hilfsadressen und Unterhaltsames wie ein klassisches Heft der Regenbogenpresse.

Frauen, die sich für einen Benzodiazepin-Entzug entscheiden, haben einen steinigen Weg vor sich. Er ist nach Aussagen des Suchtexperten Etienne Maffli «vergleichbar mit einer Alkohol-Entwöhnung: Ohne kompetente ärztliche Begleitung leiden die Betroffenen unter akuten Entzugssymptomen wie Zittern, Schweissausbrüchen, Krämpfen, Angstzuständen und Schlaflosigkeit.» Danach stehen ihnen Einrichtungen wie die Klinik Wysshölzli in Herzogenbuchsee BE offen, die nur Frauen aufnimmt. Dort durchlaufen sie während mindestens 12, maximal 48 Wochen ein gut strukturiertes Therapieprogramm, das sie auf ein Leben ohne Pillen vorbereitet.

Auch Ursula V. sah eines Tages die Notwendigkeit eines Entzugs ein. Ihre Familie hatte nach sieben Jahren endlich realisiert, dass sie medikamentenabhängig war, und die ersten Kontakte zu einer Beratungsstelle geknüpft. Die Mutter war dankbar für diese Hilfeleistung. Aber sie schämte sich auch, dass sie ihren Mann und ihre Kinder sechs Monate allein lassen musste, um sich in einer Klinik entgiften und therapieren zu lassen. Im Nachhinein ist sie glücklich über ihren Entscheid: «In dieser Kur habe ich ein neues Leben gefunden.» Sie habe gelernt, besser auf ihre Bedürfnisse zu hören, Nein zu sagen, wenn ihr etwas nicht passe, und ihren Perfektionismus und ihre Ansprüche an sich selber zu reduzieren. Sie sagt: «Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe.»

Quelle: Barbara Lukesch

Tabettensucht

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