Von: Theresa Schopper, MdL
Sozial- und gesundheitspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion in Bayern
Sucht auf Rezept
Problem Medikamentenabhängigkeit
Dass Medikamente nicht nur gesund machen, sondern auch gesundheitsgefährdende Nebenwirkungen haben können, wird gern übersehen. Vor allem das Suchtpotential einiger Medikamente wird unterschlagen. Immerhin acht bis zehn Prozent aller verordneten Medikamente können in die Abhängigkeit führen. Vor allem Frauen und ältere Menschen sind gefährdet. Und dies ganz legal: Medikamentensucht ist in erster Linie eine per Rezeptblock ärztlich verordnete Sucht.
Schätzungen besagen, dass etwa 200.000 Medikamentenabhängige in Bayern leben. Bundesweit rechnet man mit rund 1,5 Mio. Betroffenen. Zum Vergleich: Das bayerische Gesundheitsministerium geht von 250.000 Alkoholabhängigen (Bundesweit 1,6 Mio.) und 20.000 Schwerstdrogenabhängigen (Bundesweit 100.000 bis 150.000) aus. Bei vielen Medikamentenabhängigen liegt keine ausreichende Diagnose vor, die eine Langzeitverschreibung von Medikamenten mit Abhängigkeitspotential rechtfertigt. Im Gegenteil: Die Fachwelt beklagt, dass ein Drittel der Verschreibungen zur Suchtunterhaltung und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen dient.
Es sind vor allem benzodiazepinhaltige Schlaf- und Beruhigungsmittel, die fahrlässig verschrieben und missbraucht werden. Es geht aber nicht darum, diese Medikamente zu verteufeln – denn sie sind bei vielen Krankheiten und akuten Situationen das Mittel der Wahl – sondern einen verantwortungsbewußten Umgang einzufordern.
Neben den Frauen und älteren Menschen ist in den letzten Jahren eine weitere Gruppe
auffällig geworden: Die Kinder. Vor allem die Ritalinverordnungen bei hyperaktiven Kindern hat dazu beigetragen, dass die Verordnung von Psychopharmaka bei Mädchen und Jungs um das fünf- und sechsfache angestiegen ist.
Medikamentenabhängigkeit - eine Frauensache?
Medikamentabhängigkeit gilt als typische Frauensucht. Etwa Zweidrittel bis Dreiviertel der Abhängigen sind Frauen. Wenige soziale Bindungen, schwierige Familienverhältnisse oder Partnerschaften, niedrige Schulabschlüsse, eine fehlende Berufsausbildung oder Erwerbstätigkeit erhöhen für Frauen das Risiko, in eine Medikamentensucht abzurutschen. Und um so älter die Frauen sind, um so mehr steigt das Suchtrisiko.
Fast dreißig Prozent der über Sechzigjährigen sind gefährdet, benzodiazepinabhängig zu werden.
Abhängigmachende Medikamente sind stille und unauffällige Suchtmittel. So kommen sie dem weiblichen Suchtverhalten entgegen: Frauen gehen ihrer Sucht kaum in der Öffentlichkeit nach, sondern sie schlucken heimlich und allein. Im Gegensatz zu Alkohol führt Medikamentabhängigkeit zu einem eher angepassten Verhalten und Menschen, die unter Tabletteneinfluss stehen, fallen nicht auf. Vor allem das Funktionieren-Wollen steht bei jüngeren Frauen, die zu Tabletten greifen, im Vordergrund.
Medikamente mit Abhängigkeitsrisiko werden als Stress- und Konflikbewältigungsstrategie eingesetzt.
Der Helfer im Alter?
Statistisch gesehen ist das Risiko, medikamentenabhängig zu werden, im Alter von 66 Jahren am größten. Die meisten Verordnungen über einen längeren Zeitraum gehen an Menschen über 50 Jahre. Neben der Sucht haben Medikamente mit Abhängigkeitsrisiko für ältere Menschen zusätzliche Gefahrenpotentiale: Sie benötigen viel mehr Zeit als jüngere Menschen, um sie wieder abzubauen; sie reagieren mit Gangunsicherheit und damit mit einer erhöhten Sturzgefahr oder Verwirrtheit auf die Medikamenteneinnahme.
Problematisch ist zudem das „Tablettencocktail“, dass viele ältere Menschen einnehmen. Das multimorbide Krankheitsbild führt zur Einnahme der verschiedensten Medikamente mit fatalen Folgen – Wechselwirkungen sind oft nicht bekannt.
Vor allem in der stationären Altenpflege werden Psychopharmaka – abhängig machend oder nicht – eingesetzt. Die bei dieser Patientengruppe häufiger auftretende Depression liefert jedoch keine hinreichende Erklärung für die Tatsache, dass etwa 50 Prozent der HeimbewohnerInnen Psychopharmaka verschrieben bekommen. Für die auffällige Verschreibungspraxis
werden Ursachen wie vielfältige Anwendungsmöglichkeiten der Psychopharmaka,
das enge Zeitkorsett der Ärzte und Pflegekräfte oder deren mangelnde
Kenntnisse über Psychopharmaka genannt.
Der Arzt, der Rezeptblock und die Medikamentenabhängigkeit
Der Startschuss für eine Medikamentenabhängigkeit fällt fast immer in einer Arztpraxis. Denn Medikamente, die abhängig machen können, sind allesamt verschreibungspflichtig. Und nur die wenigsten Medikamentenabhängigen besorgen sich ihren „Stoff“ auf illegalen
Wegen. In den allermeisten Fällen verordnet der behandelnde Arzt. Es sind vor allem Allgemeinmediziner und weniger die Psychiater, die fahrlässig mit ihrem Rezeptblock umgehen.
Unter den Allgemeinmedizinern sind es wiederum nur einige wenige, die verantwortungslos verschreiben. Schätzungen besagen, dass fünfzehn Prozent aller Ärzte knapp fünfzig Prozent der Schlaf- und Beruhigungsmittel verordnen.
Die Mehrzahl der PatientInnen bekommen die gefährlichen Medikamente auf Dauer von einem einzigen Arzt verschreiben. Es ist also nicht nur das Doktorhopping, die Doppeloder Wunschverschreibung, mit denen Abhängige sich die begehrten Rezepte verschaffen, sondern die Verantwortung liegt beim behandelnden Arzt.
Dem Patienten, der Patientin ist das Suchtrisiko des vom Experten verordnete Medikament oft nicht bekannt, bzw. er wiegt sich in Sicherheit, da er davon ausgeht, dass sein Arzt weiß, was er tut. Vor allem ältere PatientInnen kommen also gar nicht auf die Idee, abhängig zu sein. Auch für den Arzt ist die Sucht oft nicht erkennbar: Viele PatientInnen nehmen das Medikament über Jahre in der gleichen Dosis.
Typische Merkmale wie Dosissteigerung und ein permanentes Verlangen fehlen. Erst die Entzugserscheinungen beim Absetzen zeigen, dass eine Abhängigkeit vorliegt.
Mangelnde Sensibilität der Öffentlichkeit
Eine öffentliche Debatte über das Thema findet so gut wie nicht statt. Medikamentenabhängigkeit ist und bleibt eine heimliche Sucht. Die PatientInnen schlucken allein und die Öffentlichkeit nimmt das Problem kaum wahr. Über das Thema wird höchstens in der Fachpresse publiziert. Im Gegensatz zur Alkoholabhängigkeit oder zur Drogensucht hat auch die Politik das Thema bisher vernachlässigt. So erwähnt beispielsweise der Bericht „Gesundheit und Krankheit in Bayern“ des bayerischen Gesundheitsministeriums kein einziges Mal die Medikamentenabhängigkeit, obwohl er sich sehr umfassend sich mit den verschiedensten Krankheitsbildern beschäftigt.
Strategien, die der Medikamentenabhängigkeit entgegentreten, müssen von vielen Ebenen aufgegriffen werden. Und es gibt bereits einige nachahmenswerte Alternativen. So greift z.B. die Hamburger Ärztekammer über die Berufsordnung bei Verschreibungsauffälligkeiten ein. In Augsburg sitzen seit längerem Ärzte und Apotheker an einem Tisch, um dem Problem entgegenzuwirken.
Medikamentenabhängigkeit bei Frauen, älteren Menschen und zunehmend bei Kindern muß auf die Agenda, denn heimlich ist die Sucht, doch die Dimension und Auswirkungen sollten öffentlich angegangen werden.
Tabettensucht
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