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Von 2055 neuen Medikamenten sind nur zwei innovativ

Fast täglich überrascht uns die Pharmaindustrie mit neuen Produkten. Sie sollen noch besser wirken und noch weniger Nebenwirkungen haben. Im Jahr 2000 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel sage und schreibe 2055 neue Medikamente zugelassen. "Diese so genannten Innovationen sind teuer, bringen aber nichts für die Therapie am Patienten", sagt der klinische Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer aus Bremen. Er fordert eine Negativliste für Pseudoinnovationen.

Echte therapeutische Fortschritte sind selten. "Wir gehen davon aus, dass pro Jahr in der klinischen Medizin höchstens zwei neue Wirkstoffe beachtenswert sind. Für die Praxis ist nur alle zwei Jahre ein therapeutischer Fortschritt feststellbar", sagt der Bremer Experte. Weil die Besinnung auf bewährte Substanzen kein Zeichen von Fortschrittsfeindlichkeit, sondern von therapeutischer Sorgfalt ist, beweist die aktuelle Krise um den CSE-Hemmer Lipobay. "Der erste CSE-Hemmer kam 1990 auf den Markt. Eine echte Innovation", so Professor Schönhöfer. "Nachfolgepräparate wie Lipobay oder der Marktführer Sortis weisen nur geringfügige Veränderungen auf, sind deshalb Pseudoinnovationen."

Die Pharmaindustrie verteidigt sich. "Bei der aktuellen Diskussion über die nie gänzlich auszuschließenden Risiken von Arzneimitteln darf deren unbestrittener Nutzen nicht vergessen werden", mahnt die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, und erinnert an den täglich millionenfachen erfolgreichen Einsatz von Arzneimitteln. Ein Einsatz mit zweifelhaftem Erfolg, wie eine Studie des Instituts für klinische Pharmakologie in Bremen belegt. Nur in Deutschland kommt es durch Medikamenteneinnahme jährlich zu mehr als 200.000 schweren Nebenwirkungen. 70.000 davon sind lebensbedrohlich, 16.000 Todesfälle sind zu beklagen.

Geschickte Werbestrategien der Pharmakonzerne lassen viele Präparate trotzdem zu Millionensellern werden. Und das treibt die Preise in die Höhe. Laut Berechnungen der unabhängigen Fachzeitschrift "arznei-telegramm" könnten jährlich knapp fünf Milliarden Mark eingespart werden, wenn Ärzte statt der Pseudoinnovationen die gut erforschten und auch in ihren Langzeitwirkungen bekannten Basispräparate verschreiben würden.

Beispiele: Der klinische Nutzen verschiedener Basis-Produkte für Diabetiker ist 1998 durch die bis dahin weltweit größte UKPDS-Studie (United Kingdom Prospective Diabetes Study) belegt worden. Doch die Industrie legte schnell nach. Im vergangenen Jahr kamen so genannte Glitazon-Präparate auf den Markt. Laut Professor John Buse, Direktor des North Carolina Diabetes Care Center in Chapel Hill (USA), wurde damit eine neue Ära in der Therapie der Typ-II-Zuckerkrankheit eingeläutet. "Eine Irreführung", sagt Professor Schönhöfer. "Bestimmte Glitazon-Präparate dürfen wegen unzureichender Wirkung ausschließlich als Zusatz-Therapeutikum verwendet werden. Schutz vor diabetischen Folgeschäden und kardiovaskulären Erkrankungen sind bei Markteinführung überhaupt nicht geprüft. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen sind diese Produkte als bedenklich einzustufen."

Höchste Zeit also, etwas zu tun. "Es existiert zwar die gesetzliche Grundlage für eine Negativliste im Sozialgesetzbuch, allerdings wird sie nicht angewandt", so der Bremer Experte. Seine Forderung: "Die angestrebte Reform des Gesundheitssystems sollte die Vielfalt so genannter Innovationen, die keine eigenen therapeutischen Vorteile bieten, durch Erweiterung der Negativliste unter Kontrolle bringen." Die Kosteneinsparungen schützen die Versicherten vor Beitragserhöhungen und die Ärzte vor Regressen.


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