Arzneimittel-Tollhaus Deutschland II
Deutsche Chirurgen amputieren bei Zuckerkranken viel zu häufig: In unseren Kliniken werden pro Jahr fast 30 000 Amputationen vorgenommen. "Das sind viel mehr als in anderen europäischen Staaten wie Frankreich, den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern", sagte Hans Henning Wetz von der Universität Münster. "Es könnten 8000 bis 10 000 weniger sein." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Deutschland schon vor Jahren in einer Deklaration aufgefordert, die Amputationen bei Zuckerkranken zu halbieren.
Derzeit werden auf Grund von jährlich vier Millionen "grauen Mammographien"
100 000 Frauen operiert, die nicht operiert werden müssten, wenn stattdessen mit der Qualität der europäischen Nachbarländer wie zum Beispiel der Niederlande gescreent würde, heißt es in einem Gutachten des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Von den jährlich 100 000 operierten Frauen sterben im Schnitt 4000.
Überflüssige, d. h. medizinisch unbegründete Operationen werden fast allen Fachgebieten vorgeworfen. Insgesamt sollen sich von den jährlich acht Millionen vorgenommenen Eingriffen etwa die Hälfte als nicht notwendig erweisen. Der Münchner Medizin-Informatiker Wilhelm von Eimeren warnte vor allzu unspezifischen Massentests. Damit drohen die Deutschen zu einem "Volk von Vorsorgegeschädigten" zu werden.
Falls das Verhalten der Ärzte selbst und ihrer Familienangehörigen zum Maßstab genommen würde, könnten nach Schätzungen von Experten allein 30 Millionen Krankenhaustage oder ca. 22 Milliarden Euro eingespart werden - aber auch Zehntausende von Toten sowie Hunderttausende Medizingeschädigte pro Jahr verhindert werden. Bei Operationen der Gallenblase liegt die Eingriffshäufigkeit 84 Prozent höher, bei Hämorrhoiden-Operationen 83, bei Gebärmutteroperationen 53 Prozent und bei Mandeloperationen immer noch 46 Prozent höher als bei Ärzten und ihren Familienangehörigen. Lediglich bei Blinddarmoperationen liegen die Vergleichszahlen bei der übrigen Bevölkerung mit acht Prozent nur unwesentlich höher als bei Ärzten. Dafür lehnen fast 95 Prozent der Ärzte für sich und ihre Familienangehörigen eine Chemotherapie bei Krebs ab.
Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen hat errechnet, dass die Lebenserwartung der Bevölkerung im gleichen Maße sinke wie die Arztdichte in Ballungsräumen zunehme. Der renommierte Medizinpublizist Dr. med. Hans Halter ist auf Grund eigener Nachforschungen zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen gelangt: "Bürger, die in einem Gebiet mit vielen Ärzten und reichlich Krankenhäusern wohnen, verwandeln sich rascher in Patienten, werden häufiger operiert, nehmen mehr nebenwirkungsreiche Medikamente und sterben, gemessen am statistischen Durchschnitt, früher." 46 Prozent der Ärzte sind nach einer Emnid-Umfrage davon überzeugt, dass es in Deutschland zu viele Ärzte gibt. Zwei Drittel aller Patienten haben das Gefühl, dass im Verlauf einer Behandlung mit wechselnden Ärzten viele Untersuchungen doppelt vorgenommen werden. Rund die Hälfte aller Patienten hat die Erfahrung gemacht, dass Ärzte überflüssige Leistungen erbringen. Die Ärzte bestätigen diese Erfahrung: Zwei Drittel geben an, dass Ärzte gelegentlich oder sogar häufig therapeutisch überflüssige Leistungen erbringen.
Sinnlose Verschreibungen
Obwohl die Bevölkerungszahl (Versicherte) sich in den letzten zwanzig Jahren mit rund sechs Prozent nur wenig entwickelt hat, stieg nach einer Mitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die Zahl der niedergelassenen Ärzte um das Zehnfache auf 65 Prozent. Die Zahl der Fälle je Arzt ist seither jedoch konstant geblieben. Hartmut Recke vom Berufsverband Deutscher Laborärzte schätzt die jährliche Verschwendung allein durch falsche und überflüssige Labortests auf 250 Millionen Euro. Mit der Zahl der Ärzte ist, so berichtet der Deutsche Apothekerverband (ABDA), gleichzeitig auch die Zahl der Apotheken in Deutschland kontinuierlich angestiegen - innerhalb von vier Jahren um rund 4,4 Prozent. Dies hat jedoch nicht zu Umsatzrückgängen geführt, sondern im Gegenteil: Der Umsatz je Apotheke ist in diesem Zeitraum um 23,1 Prozent angestiegen. Für die Gesetzliche Krankenversicherung bedeutet dieser Anstieg eine zusätzliche Finanzbelastung von mehr als 15 Prozent.
Im Bereich der fast 130 000 niedergelassenen Ärzte führen nach einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft Kiel die Überkapazitäten zu einem regelrechten Abrechnungskrieg. Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen - im Zusammenhang mit der explosionsartigen Leistungsmengenentwicklung - wurden reihenweise Abrechnungsbetrügereien aufgedeckt. Niedergelassene Ärzte rechneten zum Beispiel Leistungen ab, für die sie mehr als 30 Stunden am Tag hätten arbeiten müssen. Aus den Abrechnungen ging hervor, dass manche Ärzte sogar Säuglinge über Sexualität, Drogenkonsum und Verhütungsmittel im Rahmen der "Lebensberatung" aufgeklärt haben wollten.
Skandalöse Qualitätsmängel in der Arzneimitteltherapie verursachen nach Meinung von Prof. Dr. Manfred Wehling, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie Mannheim, "eine extreme Schieflage": Bluthochdruck-Behandlungen seien nach umfassenden Studien nur bei sechs Prozent der Patienten "leitliniengerecht realisiert" worden, Cholesterin-Behandlungen bei Herz-Kreislauf-Krankheiten gar nur bei vier Prozent. Der Hauptgrund für diese Tragödie: Mehr als die Hälfte der deutschen Ärzte kann nicht fachgerecht mit Arzneimitteln umgehen. Der bekannte Internist und Klinische Pharmakologe Prof. Dr. Jürgen C. Frölich an der Medizinischen Hochschule Hannover sagt in diesem Zusammenhang: "Ein erheblicher Teil der Ärzte weiß nicht, wie viel Wirkstoff sie einem individuellen Patienten verschreiben dürfen und wie viel ihn womöglich umbringen wird."
Frölichs Institut hat diese erschreckende Erkenntnis an 168 Ärzten in deutschen Krankenhäusern gewonnen. Diese Ärzte arbeiteten im Durchschnitt seit drei Jahren an ihren Kliniken, "waren also keine Neulinge". Professor Frölich, der 1994 zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen den Arzneimittelinformationsdienst AID einrichtete, fragte nach den richtigen Dosierungen der 17 meisteingesetzten Medikamente - "bei einem geradezu irreal einfachen Kranken: ungestörte Leber- und Nierenfunktion, Normalgewicht, mittleres Alter, keine Begleiterkrankungen". Das Ergebnis: 46 Prozent der befragten Ärzte machten korrekte Angaben zur Dosierung. 15 Prozent der Angaben hätten deutliche Unterdosierungen bedeutet, "so dass kein Behandlungserfolg zu erwarten gewesen wäre". Sieben Prozent der Antworten waren Überdosierungen - "und zwar heftige". 32 Prozent aller befragten Mediziner hatten es vorgezogen, zum Thema Dosierung überhaupt keine Antwort zu geben .
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Quelle: www.fr-aktuell.de Frankfurter Rundschau
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