Absturz auf Rezept -
von Achim Wüsthof (Die Zeit)
Teil II
Die Gefahr einer Tablettenabhängigkeit wird leicht unterschätzt, da sie oft über viele Jahre hinweg völlig still verläuft. Suchtspezialisten sprechen von einer "Niedrigdosisabhängigkeit", weil viele Süchtige jahrelang mit zwei oder drei Tabletten pro Tag auskommen, anders als bei Drogen wie Kokain oder Heroin, bei denen der Bedarf rapide steigt. Der Medikamentensüchtige fällt in der Regel lange Zeit nicht auf. Er grölt nicht, torkelt nicht, riecht nicht, sondern wirkt angepasst und versucht den Alltag korrekt zu bewältigen. Doch die Abhängigkeit kann schwere körperliche Schäden verursachen: Vor allem Leber-, Nieren- und Knochenmarkfunktion können unter der Dauerbelastung einknicken, zuweilen irreparabel. Auch die Psyche nimmt Schaden. "Die Menschen werden vergesslich, dünnhäutig, fühlen sich abgeschlagen und empfinden jegliche körperliche Berührung als unangenehm", sagt Rüdiger Holzbach vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg.
Die Ärzte, die unkritisch beruhigende Tabletten verordnen, übersehen solche Symptome häufig. Viele sind naiv und glauben, eine kleine chemische Lebenshilfe müssten sie ihren Patienten schon gönnen. Dabei verpassen sie die Gelegenheit, ihnen wirklich zu helfen. Das ist auch der Vorwurf des psychiatrischen Gutachters im Fall von Hans S.: "Frühzeitig einsetzendes sachgerechtes Handeln, das heißt eine Psychotherapie, wäre durchaus geeignet gewesen, die Persönlichkeitsstörung zumindest insoweit günstig zu beeinflussen, dass die ihr innewohnende Gefahr des Hineingeratens in eine Sucht hätte behoben werden können."
Als Hans S. schließlich in der psychiatrischen Klinik landete, wollte er sich zunächst gar nicht helfen lassen. Die Ärzte schätzten seine Prognose düster ein. Es dauerte Wochen, bis er es schaffte, seinen Körper zu entgiften. Die Entwöhnung von den Medikamenten ist allerdings nur der erste Schritt, Rückfälle sind keine Seltenheit. "Wir sind uns oft verzweifelt, weil unsere Arbeit wie ein Kampf gegen Windmühlen ist", sagt der behandelnde Psychotherapeut Reinhard Dübgen vom Niedersächsischen Landeskrankenhaus in Lüneburg. Kaum hätten sie jemanden erfolgreich entlassen, würden verantwortungslose Ärzte wieder die Suchtstoffe verschreiben. "Die machen es sich einfach und halten sich mit dem Rezeptblock die quengeligen Patienten vom Leibe."
Auch Hans S. verfiel nach seiner Therapie erneut den Tabletten. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er schon den Rechtsanwalt eingeschaltet, um zu beweisen, dass er Opfer ärztlichen Fehlverhaltens ist. Als das Schiedsgericht der norddeutschen Ärztekammern in der Tat seinen Arzt für den Krankheitsverlauf verantwortlich macht, wirkt das Urteil bei Hans S. geradezu therapeutisch.
Haftung für Dauerrezepte
Von solchen Fällen ist man inzwischen auch im Bundesgesundheitsministerium alarmiert. Derzeit beratschlagen Experten, wie die unkritische Verordnung von süchtig machenden Medikamenten zu bekämpfen ist. Über konkrete Strategien hüllen sie sich allerdings in Schweigen. Möglicherweise befürchten sie einen Aufschrei der Pharma- und Apotheker-Lobby. Der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Universität Bremen verrät immerhin, es werde über eine Verschärfung der Rezeptpflichtigkeit nachgedacht. "Rund 70 Prozent der Schmerzmittel sind ohne Rezept erhältlich", moniert Glaeske und verlangt ein Monitoring, in dem Daten der gesetzlichen Krankenversicherer über das Verordnungsverhalten mit Informationen aus Referenzapotheken abgeglichen werden. Ärzte, die leichtfertig gefährliche Präparate rezeptieren, müssten sich dann rechtfertigen. Gleichzeitig sollten die Ärzte insgesamt besser in Suchtmedizin ausgebildet werden. Lesen Sie weiter -->
Quelle: Die Zeit
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Tabettensucht
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