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Absturz auf Rezept - von Achim Wüsthof (Die Zeit)

Erstmals verklagte ein medikamentensüchtiger Patient seinen Arzt auf Schadenersatz - mit Erfolg. Ein Fall, der leichtfertige Doktoren, Patienten und Politiker aufschreckt

Hans S. hat eine Menge geschluckt. "Ziemlich genau 19000 Tabletten Rohypnol", hat er ausgerechnet. In 17 Jahren habe ihm sein Doktor 650 Privatrezepte für das Schlafmittel ausgestellt, sagt der heute 52-Jährige. Damit wurde der Manager zielsicher in die Tabletten-Sucht getrieben. Zuerst verlor Hans S. seinen Job, dann den Führerschein und schließlich das Sorgerecht für seine Kinder. Der Hausarzt erkannte viel zu spät, dass sein Patient schwer süchtig war. Doch nachdem Hans S. sich von seiner Sucht befreit hatte, zerrte er seinen Arzt vor das Schiedsgericht der norddeutschen Ärztekammern und bekam Recht: Erstmalig in einem solchen Fall wurde einem Patienten eine Entschädigung zugesprochen und damit anerkannt, dass seine Tablettensucht durch einen ärztlichen Fehler entstand.

Die Schiedsgerichtsentscheidung hat Signalwirkung. Unmissverständlich macht sie klar, dass Mediziner für die Sucht ihrer Patienten verantwortlich sein können. "Meines Wissens handelt es sich um den ersten Fall von Entschädigungszahlung bei einer vom Arzt verursachten Medikamentenabhängigkeit in Deutschland", sagt der Rechtsanwalt Thomas Röwekamp aus Bremen, der Hans S. vertrat.

Fähig, gut gelaunt - und süchtig

Gut möglich, dass bald weitere Geschädigte seinem Beispiel folgen. Die Ärzte müssen jedenfalls künftig vorsichtiger werden, wenn sie den Rezeptblock zücken. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind ungefähr 1,4 Millionen Deutsche medikamentenabhängig - ein Großteil mithilfe ihres Doktors. Etwa sechs bis acht Prozent aller verordneten Arzneimittelmengen haben ein eigenes Abhängigkeitspotenzial. Da die meisten Schlaf- oder Beruhigungsmittel sehr preiswert sind, kostet die Sucht in der Regel weniger als zehn Euro im Monat, die Verordnung fällt in den Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Kassen nicht auf. Zudem bekommen die Patienten oft Privatrezepte, denn die Zuzahlung wäre höher als der Preis des Produktes. Auch taucht der verordnende Arzt in der Statistik der gesetzlichen Krankenkasse nicht auf. Das aber wäre notwendig, um die "schwarzen Schafe" unter den Medizinern zu entdecken: Nur ungefähr 15 Prozent aller Ärzte stellen fast die Hälfte aller Rezepte für Beruhigungsmittel aus, wie Analysen der Abteilung für Versorgungsforschung im Gesundheitswesen der Universität Bremen zeigen. Und zwei Drittel der betroffenen Patienten erhalten ihren süchtig machenden "Stoff" über lange Zeiträume - oft über Jahre - von ihrem Arzt - obwohl die meisten dieser Medikamente höchstens drei Monate lang eingesetzt werden sollten.

Hans S. bekam erstmals am Ende seines Studiums Rohypnol verordnet. Damals konnte der angehende Wirtschaftsingenieur vor seinen Prüfungen nicht richtig schlafen. Die Wirkung des rasch abhängig machenden Schlafmittels, das ihm sein Hausarzt verschrieb, begeisterte den jungen Mann. Endlich konnte er nachts abschalten und am nächsten Morgen war er sogar angenehm aufgedreht. Als das Berufsleben begann, nahm er die unscheinbaren Tabletten einfach weiter. Der Doktor verordnete sie bereitwillig - obwohl der Beipackzettel vor Langzeitgebrauch warnte. Die Kollegen beneideten Hans S. um seine Leistungsfähigkeit und gute Laune. Schnell schaffte er den Aufstieg zum Verkaufsleiter. Niemand ahnte, dass sich der erfolgreiche Manager mit Schlaftabletten dopte.

Der Zusammenbruch kam 1997, als seine Frau an Krebs starb. "Ich konnte nicht weinen. Ich hatte meine Seele jahrelang betrogen, meine Gefühlswelt war verkümmert, und ich funktionierte wie eine Maschine", sagt S. heute. Plötzlich empfand er sein Leben als staubig, farblos, trist. Er steigerte die Dosis der Medikamente und begoss sein Unglück mit Bacardi - 1650 Flaschen in knapp drei Jahren. Langsam merkte auch der Hausarzt, dass etwas nicht stimmte. Sonst verordnete er das Rohypnol meist auf Rezeptbestellung per Fax oder Telefon, doch plötzlich weigerte er sich und brach die Behandlung ab. Um eine Entzugstherapie kümmerte er sich nicht. Der abhängige Hans S. stürzte völlig ab: "Ich habe mich kaum noch gewaschen, schlief nicht mehr und trieb Tabletten auf dem Schwarzmarkt auf." Seine Töchter kamen in eine Pflegefamilie, er musste in eine psychiatrische Klinik - per Zwangseinweisung.

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Quelle: Die Zeit

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Tabettensucht

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