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Speed und Beziehung

von Inchen

Ich habe vor ca. einem Jahr meinen Freund kennengelernt. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und wir konnten uns alles erzählen. Er hat mir erzählt, dass er gelegentlich kifft und Speed zieht. Nach ca. 2 Monaten hat es bei uns gefunkt. Er hat mir versprochen, das Zeug nicht mehr zu nehmen. Es ging alles ca. 2 Monate gut und dann kam er zugeballert nach Hause.

Ich wusste gar nicht was ich machen sollte, also bin ich zu einer Freundin gefahren und er ist runtergekommen, hat dann natürlich super viel geschlafen und am nächsten Tag hat er geweint und war völlig am Ende. Er versprach mir es nicht wieder zu tun. Naja, kurz gesagt, er tat es natürlich wieder, ich würde mal sagen ca. 1 mal im Monat.

Ich wollte mich von ihm trennen, aber er hat mir immer wieder versprochen es nicht zu nehmen. Vor drei Wochen war es wieder total schlimm. Wir haben uns gestritten, weil er wieder etwas genommen hat und ich habe ihn aus der Wohnung geschmissen. Er ist dann zu seinem Bruder gegangen.

Zwei Tage später tat es ihm natürlich wieder leid. Er hat sich dann zur ambulanten Drogentherapie angemeldet, super habe ich gedacht, das ist wohl der richtige Weg, bis letzten Freitag, da kam er erst gar nicht nach Hause. Er ist jetzt wieder bei seinem Bruder, will mich natürlich zurück.

Ich habe auch noch nicht wieder mit ihm gesprochen. Es geht mir natürlich sehr, sehr schlecht und ich mache mir Gedanken ohne Ende. Er will jetzt wohl eine stationäre Therapie machen. Ich bin so verzweifelt und kann es kaum ertragen ihn nicht anzurufen, wenn er nichts nimmt ist es so schön mit ihm und was er dann alles für Pläne hat. Bitte gebt mir einen Rat, wie ich mich verhalten soll.
Vielen Dank im voraus.

Antwort von Delia

Die Verspätung meiner Antwort tut mir leid und sicher hast du bereits eine Antwort/Lösung für dich gefunden, wenn auch wahrscheinlich die falsche.
Das macht aber gar nichts, denn das nächste Mal, also der nächste Rückfall deines Freundes, kommt bestimmt!

Hier kann ich dir nur zu einem raten: Konsequenz!!!

In dem Moment, da du ihn aus der Wohnung weist, ein paar Tage später aber wieder zurückkommen läßt, hast du verloren, denn du wirst mit deinem Verhalten nicht mehr ernst genommen. Das ist von deinem Freund nicht böse gemeint. Aber er weiß nun, dass die Trennung nach einem Rückfall immer nur von ganz kurzer Dauer sein wird. Warum also soll er nicht ab und zu zu seinen Drogen greifen?

Wenn du aber konsequent bleibst - auch wenn dies noch so schwer zu ertragen ist - hilfst du ihm und eurer Beziehung langfristig auf jeden Fall.
Die Trennung mußt du dann so gestalten, dass ihr euch erst wieder seht, wenn dein Freund tatsächlich eine Therapie macht.
Hier kannst du ihn dann beim "Durchhalten" unterstützen.
Nachhause zurück holen aber erst, nachdem er die professionelle Hilfe wirklich bis zum guten Ende durchgezogen hat.

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Kommentar von Anonymus

Delia, hat es sehr schön formuliert, es ist von Deinem Freund nicht böse gemeint.

Er ist süchtig, d.h.: die Drogen haben die Kontrolle, das Kommando übernommen, da kann Dein Freund noch so viel wollen, noch so gute Absichten haben.

Sucht und Liebe

Für einen stofflich Abhängigen steht IMMER der Suchtstoff an erster Stelle. Ist die Sucht befriedigt, hat der Süchtige die Ruhe und Muse sich anderem zu widmen (sofern er dann noch in der Lage ist). Merke Dir das gut!

Ein Hungernder wird gleich wie sehr er einen Menschen liebt, immer zuerst zur Nahrung greifen. Sein Überlebensinstinkt wird ihn dazu drängen. Ähnlich verhält sich der Süchtige, der im Grunde auch nur zu seiner Nahrung greift.

Ich finde es äusserst egoistisch, wenn sich die Partner von Abhängigen erbost zu Wort melden, weil sich der Süchtige nicht verhält, wie sie es wünschen. Hier wird die eigene Wichtigkeit weit überschätzt.

"Zuerst da kommt das Fressen und dann erst die Moral", meinte einst Bert Brecht.

Kommentar von Anonyma

Ich bin Angehörige eines Alkoholikers/ seine Partnerin, und warte schon lange auf die neue Rubrik zur Co-Abhängigkeit, weil ich mich auch immer frage, ob ich schon co-abhängig bin oder nicht.

Der Kommentar von Anonymus hat mich ganz schön aus der Fassung gebracht:

Es heißt immer, man soll den Abhängigen alleine lassen, wenn er sein Suchtmittel nicht aufgibt. Damit ist man doch aber wichtig für ihn? Denn der Kontaktabbruch soll ja wohl was bewirken?
Nun ist das Suchtmittel für den Abhängigen ein Grundnahrungsmittel, das man ihm nicht so einfach nehmen darf - einen "normalen" Menschen lässt man ja auch nicht einfach verhungern.

Aber durch den Kontaktabbruch epresse ich doch meinen Partner, der mich wirklich liebt, dazu, auf sein "Grundnahrungsmittel" zu verzichten!

Was ist denn nun richtig?

Ist es nicht so, dass die Sucht nur dann die Hauptrolle im Leben eines Abhängigen spielt, wenn er gerade "richtig drauf" ist?
Ich weiß auch, wenn ich meinem Partner mitten in einer nassen Phase den Sprit wegnehme, dass ich ihn dann in Lebensgefahr bringe.
Wenn er aber eine Entgiftung hinter sich hat, dann braucht er das "Gift" erstmal nicht mehr - so drückt er das doch dann auch selber aus. Er ist dann froh und glücklich, trocken zu sein und will daran arbeiten, die Abstinenz auszubauen. Leider kommt bislang immer ein Rückfall dazwischen, aber mit jedem Entzug wird seine Einsicht größer.
Ich habe ihn noch nicht vor die Tür gesetzt - ich habe zu viel Angst um ihn, weil er wirklich bis auf über 4 Promille kommt in der nassen Zeit, und weil er oft hilflos irgendwo herumliegt, wenn er genug getrunken hat.
Muß ihm erst jemand auf der Straße den Kopf einschlagen, weil ich ihm nicht mehr helfe?
Natürlich ist das nicht die richtige Hilfe, ihn zur nächsten Entgiftung zu überreden, wenn er dann mal wieder wach und in einem entsetzlichem Zustand ist.

Aber was ist denn richtig, wenn Anonymous schreibt:

"Ich finde es äußerst egoistisch, wenn sich die Partner von Abhängigen erbost zu Wort melden, weil sich der Süchtige nicht verhält, wie sie es wünschen."

Ich bin nicht erbost, ich bin hilflos! Ich bin so hilflos wie mein Partner, wenn der besoffen auf dem Teppich liegt!!!

Lasst uns endlich einmal ausführlich über dieses Thema diskutieren, denn wie Ines, deren Freund immer wieder Speed haben muß, weiß ich auch nicht mehr weiter, während sich dieser Teufelskreis wie eine Schlinge immer mehr zusammenzieht.

Ich wundere mich eh schon lange, dass es hier so wenig Kommentare gibt. Vielleicht solltet Ihr, die Leute von Sonderglocke, doch bald die Rubrik "Co-Abhängigkeit" aufmachen!

Antwort von Delia

Auch ich halte eine Rubrik zum Thema Co-Abhängigkeit für enorm wichtig - das sehe ich an der Diskussion, die momentan hier in Gang kommt.

Ich meine, sowohl Anonymus als auch Anonyma haben aus ihrer jeweiligen Sicht recht.

Anonymus macht unter anderem deutlich, dass man der Abhängigkeit mit moralischen Maßstäben nicht beikommen kann und darf.

Anonyma erklärt ihr Verantwortungsbewußtsein für ihren Partner, der nicht auf der Straße enden soll.

Was ganz deutlich aus beiden Beiträgen ins Auge springt, ist Abhängigkeit, oder besser: Anhängigkeit und Co-Abhängigkeit:

Ich will versuchen, diese Dynamik in der Beziehung von Betroffenen und Angehörigen ein wenig anschaulich zu machen, wobei ich nicht im geringsten den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte.

Nehmen wir den Alkoholiker: Der ist beileibe nicht nur abhängig von seinem Gift, dem Alkohol! Er ist ebenso abhängig von seiner Partnerin, deren Geduld und deren Gnade. Er muß immer befürchten, eines Tages auf die Straße gesetzt zu werden, wenn er sein Problem nicht in den Griff bekommt.

Er ist außerdem abhängig von der Gesprächsbereitschaft seiner Partnerin, wenn er mal wieder von einer stationären Entgiftung nachhause kommt. Dann sorgt die ins Spiel gebrachte Moral dafür, dass er eben nicht hocherhobenen Hauptes trocken die Schwelle zur Wohnung überschreitet.

Nein: Er muß Rede und Antwort stehen, seinen Willen zur Abstinenz beteuern, sich tausendmal für alle der Partnerin bereiteten Unannehmlichkeiten entschuldigen - kurz: Er muß sich klein machen.

Ergebnis: Allerspätestens jetzt fühlt er sich schuldig für eine Krankheit, die seit Jahrzehnten als solche anerkannt ist. Die Gespräche drehen sich auch schon längst nicht mehr um sein Problem!

Längst geht es um die Probleme der Partnerin:
Sie wiederum hat die Problematik des Partners zu ihrem Problem gemacht.
Und er ist ihrer Meinung nach auch noch schuld daran!

Von der Schuld einmal abgesehen, dreht sich allmählich ihr gesamtes Denken und Handeln nicht mehr um sie selber oder die Partnerschaft, sondern um die Alkoholproblematik des Partners.

Die Frau handelt tatsächlich egoistisch: Sie hat in dieser Beziehung Macht und Einfluß in ihren Händen. Sie entscheidet, ob der Partner sich selbst überlassen wird oder nicht. Sie gestaltet die Gespräche nach der Entgiftung und bereitet ihrem Partner die Schuldgefühle. Sie erinnert ihn an Dinge, die er im Vollrausch verbockt hat usw. Und sie erntet Bewunderung, Dank und die Bitten um noch mehr Geduld und Gnade.

Es dauert nicht lange, und sie wird sich irgendwann eingestehen müssen, dass sie diese Rolle in ihrer Partnerschaft gar nicht mal so schlecht findet. Sie ist abhängig von der Abhängigkeit des Partners!

Würde er nun zum Beispiel eine stationäre Therapie machen und erfogreich durchlaufen, wäre die Partnerschaft -so wie sie sich zum Schluß darstellte, zum Scheitern verurteilt. Denn die alten Rollen könnten nur unter der Voraussetzung eines massiven Rückfalls wieder eingenommen werden.

Das was Anonymus egoistisch nennt, ist das Unverständnis der Frau für den Mangel an uneingeschränkter Selbstdisziplin ihr zuliebe. Der Egoismus geht aber noch weiter. Solange der Partner nicht in der Lage ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wird sie - ob bewußt oder unbewußt - an dem gegenseitigen Abhängigkeitsknäuel festhalten, denn sie profitiert enorm davon.

Dieser Teufelskreis, den Anonyma ja selber anspricht, ist nur durch Hilfe von außen, also von neutralen Personen, zu durchbrechen. Zumindest wäre dies der erste Schritt.
Aber das ist dann wieder ein anderes Thema, zu dem wir sicher noch kommen würden in der neuen Rubrik.

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