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Co-Abhängigkeit
Ich habe mich zum Schreiben durchgerungen, weil ich einfach nicht mehr weiter weiß.
Ich bin Witwe und habe zwei Söhne: Klaus, 35 Jahre alt und von Beruf Zahntechniker, verheiratet, drei Kinder, keine Probleme. Und Thomas, auch Tom genannt, arbeitslos, geschieden, Alkoholiker, 32 Jahre alt.
Durch das Alkoholproblem von Tom bricht jetzt meine gesamte Famlie auseinander:
Tom hatte wie Klaus Abitur gemacht und dann aber studiert - Chemie -, anstatt etwas Handfestes zu lernen. Im Studium lernte er auch gleich die richtigen Leute kennen: Es wurde geraucht (Haschisch) und gesoffen ... von Lernen keine Spur. Tom kam an den Wochenenden immer nachhause, aber er war auch immer angetrunken. Abends war er nicht mehr ansprechbar. Oft mußte ich ihn waschen und ins Bett bringen.
Da mein Mann früh verstarb und ich nur eine Witwenrente bekomme, bezog Tom BAFöG und jobbte noch in den Semesterferien.
Er fuhr im Rausch zwei Autos kaputt - zum Glück ohne Zeugen. Ich half ihm jedes Mal, von meinen Ersparnissen ein neues Auto zu kaufen. Jedesmal bekam ich dann aber Ärger mit meinem ältesten Sohn, der ja sein Leben ganz allein finanziert.
Da Tom bald täglich betrunken war, brach er das Studium ab und begann bei einem Kumpel als Kellner zu arbeiten. Er heiratete zwar ein eigentlich ganz nettes Mädchen aus gutem Hause, aber dieses Mädchen ließ ihn sehr bald im Stich. Sie reichte die Scheidung ein, angeblich weil mein Sohn sie verprügelte !!!
Seitdem geht es mit Tom bergab. Er sperrt sich zuhause ein, geht nicht ans Telefon und läßt sich den Schnaps per Taxi vor die Tür bringen. Zweimal habe ich ihn schon dort rausgeholt und ins Krankenhaus gebracht (auf die Intensivstation!), aber nun macht er auch mir die Tür nicht mehr auf.
Mein Ältester hat einmal den Sozialpsychiatrischen Dienst gerufen, den ihr ja auch schon erwähnt habt, nachdem ich ihn anflehte, mir zu helfen. Diese Leute haben ihn dann auch ins Kankenhaus gebracht.
Jedes mal entlässt sich Tom aber nach ein paar Tagen selber aus dem Krankenhaus und fängt wieder an zu saufen.
Vor einer Woche war es wieder so schlimm, dass mein Ältester mir versprach, Tom dieses Mal in eine Psychiatrie auf eine Suchtstation bringen zu lassen. Da könne er nicht so schnell abhauen.
Über Nacht habe ich mir das aber versucht vorzustellen - Tom in der Klappsmühle! - , bin am nächsten Morgen zu ihm hingefahren und habe ihm mit seinem Bruder gedroht, wenn er nicht aufmacht.
Aus Angst vor seinem Bruder ist er mit mir nachhause gekommen und hat sich drei Tage lang von mir den Schnaps einteilen lassen. Ich weiß ja, dass man den Alkohol nicht einfach wegnehmen darf.
Aber obwohl ich ihn vor der Irrenanstalt gerettet habe, ist er dann doch davongelaufen.
Ich weiß nicht, wo er jetzt steckt und was er macht. Zu meinem Ältesten ist der Kontakt abgebrochen - ich sei ja selber krank, sagt er!!!
Und Tom will mit seinem Bruder nichts mehr zu tun haben!
Ich bin nur eine besorgte Mutter, aber ich bin es auch leid, immer wieder den Dreck wegzumachen, meinen erwachsenen Sohn zu baden und anzuziehen, wenn er wieder sturzbetrunken ist und ihm mein letztes Geld zu geben. Ich habe ihm auch schon gedroht, ihn wie seine Ex-Frau im Stich zu lassen! Er ist dann wirklich immer sehr lieb und dankbar. Und meine Nachbarn bewundern meine Geduld: "Wie schaffen Sie das bloß?" Tom verspricht mir auch immer wieder, mit dem Trinken aufzuhören. Wie soll er das denn schaffen bei dem Umgang?
Und ich kann doch nicht zulassen, dass man das Kind in eine Irrenanstalt steckt??? Ich versuche doch wirklich nur zu helfen!
Was kann ich noch tun, was ratet ihr mir?
Antwort von Delia
Für eine Mutter ist es einfach eine Strafe, wenn das endlich großgezogene Kind abhängig ist.
Als Mutter wollen Sie nur eins: helfen. Und damit sitzen Sie bereits in der Falle. Denn jede Hilfe, die von einem Abhängigen gern genommen wird, ist keine!
Diese Hilfe verlängert lediglich die Sucht sowie die Verzweiflung der Helfenden und macht Sie zu einer "Co-Abhängigen".
Ihr Sohn hat keinen Bezug mehr zur Realität. Er muß sein Leben und die Schwierigkeiten, die er sich durch seine Sucht einhandelt, nicht ernstnehmen. Warum auch: Er hat eine Mama, die ihm immer alle Steine aus dem Weg räumt. Momentan muß Ihr Sohn weder erwachsen werden, noch etwas gegen seine Sucht unternehmen.
Die bittere Pille, die Sie schlucken müssen: Ziehen Sie jegliche Hilfe von ihm ab und bleiben Sie damit konsequent, bis er sich in eine Behandlung begibt.
Eine Ausnahme wäre es selbstverständlich, wenn Sie wüssten, es ist Gefahr im Verzug. Dann müssten Sie die zuständigen Instanzen benachrichtigen (z.B.SPD, Notarzt, Polizei).
Dieses Sich-Abwenden Ihrerseits ist eine Grundlage dafür, dass Ihr Sohn realisiert, an welchem Punkt er angelangt ist.
Sobald er Einsicht zeigt, professionelle Hilfe in Anspruch nimmt und nachweislich auf dem Weg aus der Abhängigkeit ist, dürfen Sie sich ihm wieder zuwenden.
Das tut weh, ich weiß. Sie müssen auch damit rechnen, dass sich seine Lage erst einmal verschlimmert, weil er nicht wahrhaben will, dass Sie hart bleiben. Aber er wird irgendwann realisieren, dass er Sie nicht mehr "erpressen" kann. Machen Sie Sich klar, Ihr Sohn ist mit einem einzigen Trumpf im Ärmel dabei, Sie materiell und seelisch zu ruinieren: Er missbraucht Ihre Mutterliebe.
Das meine ich jetzt nicht so moralisch, wie es klingt. Es ist klar, dass Ihrem Sohn gar nicht bewusst wird, was er mit Ihnen macht, denn er steckt in den Fängen der Sucht, die ihm sein Verhalten diktiert.
Der Weg, den ich Ihnen jetzt vorgeschlagen habe, ist Ihnen sicher bekannt, wenn es sich um andere Betroffene handelt. Und Sie schütteln bestimmt auch verständnislos den Kopf, wenn Angehörige ihren Betroffenen immer wieder hilflos "Hilfe leisten".
Ich habe oben den Begriff "co-abängig" gebraucht.
Damit meine ich ,dass Sie als Angehörige inzwischen genauso krank sind wie Ihr Sohn. Sie brauchen die Eskapaden Ihres Sohnes wie dieser den Alkohol.
So sehr Sie sich beschweren, so sehr erhalten Sie durch Ihre Bemühungen doch auch moralischen Auftrieb:
Sie selber formulieren es so: Sie haben ihren Sohn vor dessen Bruder gerettet!
Die Nachbarn bewundern Sie!
Ihr Sohn ist dankbar und lieb! Schuldbewusst verspricht er Ihnen alles!
Was wäre, wenn Tom nach einer stationären Therapie auf keinerlei materielle Hilfe, Bemutterung und "Rettung" Ihrerseits, aber auch auf keinerlei Vorwürfe, kein Jammern und keine Drohungen von Ihnen mehr angewiesen wäre? Wenn er sein Leben lebte wie sein älterer Bruder?
Die Nachbarn würden Sie nicht mehr bewundern und bemitleiden. Sie würden Ihre Rolle als "Retterin", aber auch als barmherzige, still vor sich hin leidende Mutter verlieren!
Maria, kümmern Sie sich um sich selbst, indem Sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufsuchen. Dort wird man Sie nicht nur verstehen. Man wird Ihnen auch ihre Grenzen als mit der Sucht Ihres Sohnes verstrickte Angehörige aufzeigen.
Und versuchen Sie, mit Ihrem ältesten Sohn wieder ins Gespräch zu kommen.

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Zu Co-Abhängigkeit
Liebe Leserinnen und Leser! Bei der Beantwortung dieser Frage (also der 56 Jahre alten Mutter) fiel uns auf, dass auch in Sonderglocke die Angehörigen bzw. Co-Abhängigen ein wenig zu kurz kommen.
Dies möchten wir mit Eurer Hilfe ändern.
Hättet Ihr gedacht:
--> Die meisten Ehen von Abhängigen und deren Partnern gehen erst nach der Erlangung der Abstinenz durch den Abhängigen auseinander.
-->Der Co-Abhängige stellt sich im Laufe der Zeit derart auf die Sucht des Abhängigen ein, dass er eines Tages die Krankheit des Partners so sehr braucht wie dieser sein Suchtmittel.
Diese Feststellung gilt nicht nur für Partnerschaften, sondern auch für Eltern-Kind-Beziehungen, Freundschaften usw.
Über diese Thesen kann man nachdenken und diskutieren. Man kann sich auch angesprochen fühlen und einen Beitrag an Sonderglocke schreiben - wie wär's?
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