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Co-Abhängigkeit

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von Lisa

Ich schreibe euch jetzt nicht unbedingt, weil ich einen Rat brauche. Mein Text zum Thema Co-Abhängigkeit soll nur durch seine Beispielhaftigkeit dazu beitragen, dass die Verzwicktheit des Problems deutlich erkannt wird.
Ende 2005 hatte ich - selber trockene Alkoholikerin und Suchtberaterin zugleich - Angst um das Leben meines jüngeren Bruders, der dabei war, sich zu Tode zu saufen.

Ich schrieb verzweifelt unter einem Pseudonym an ein Forum für Alkoholiker und bekam auch einige Antworten, die ich natürlich nicht hier wiedergeben darf.:

"Wie schon in meiner Vorstellung angedeutet komme ich aus einer Alkoholikerfamilie. Mein Vater warf sich vor einen fahrenden Zug, als er durch Alkohol Führerschein und Arbeit verloren hatte. (allerdings wäre er ca. ein Jahr später eh an den Folgen seiner Trinkerei gestorben. Ich war damals 11. Meine Mutter ist eine Bilderbuch-Co-Alkoholikerin – sie berauscht sich am Mitleid und der Bewunderung durch ihre Umwelt, wenn sie sich um ihren Mann, später um ihre Kinder, gekümmert hat.

Der älteste Bruder, Unternehmer, säuft (noch) unauffällig 2 Liter Wein zum Feierabend. Er redet nicht mehr mit mir, seit ich ihn auf sein Problem gestoßen habe.

Wir hatten eine schlimme Kindheit und eine zerfahrene Jugend, nachdem meine Mutter einen neuen Partner gefunden hatte. Damals war mein jüngerer Bruder noch nicht volljährig und auf die Gnade dieses Paares angewiesen. Zu der Zeit schworen wir beide uns, uns immer gegenseitig zu helfen und auch aufeinander aufzupassen.

Ich bin ja jetzt trocken, aber mein "kleiner Bruder" hat sich mein Trinkverhalten abgeschaut und will mit mir nichts mehr zu tun haben, weil ich "vom Fach" bin.

Seit Mo. (Dez. 2005) nun liegt er wieder einmal in seiner Ferienwohnung, geht nicht ans Telefon, macht nicht auf und säuft. Er hat inzwischen etliche Krampfanfälle und einige Delirien hinter sich und war bereits 5x auf der Intensiv-Station. Seine Bauchspeicheldrüse will nicht mehr.

Meine Mutter hat ihn immer wieder "gerettet" (und immer erst mir erzählt, wenn die Milch schon verschüttet war) – zu Weihnachten tauchte er sturzbetrunken mit dem Auto bei ihr auf und konnte sich hinterher nicht mehr erinnern, wie er dorthin gekommen war. Meine Ma "entgiftete" ihn mit zugeteiltem Wodka, weil er nicht mehr in ein Krankenhaus gehen will (selbst für einen Privatpatienten zu peinlich – er verdient in der nordafrikanischen Wüste ein Geld, das er dort nicht ausgeben kann. Urlaub ohne seine afrikanische Frau, damit er in Deutschland "den Breiten" machen kann)

Wenn er bei dieser "Behandlung" mehr Durst hatte, wurde ihm von meiner Mutter mit mir gedroht: "Die macht das dann professionell! Willst du das?"

Dann gab sie ihm einen Tag frei und schon lag er betrunken wieder in seiner Wohnung. Nun ist die alte Dame (78 J.) zusammengebrochen und hat alles mir übergeben – außer den Wohnungsschlüsseln, aber mein Bruder würde mir sowieso "den Schädel einschlagen", wenn ich auftauchte.

Also habe ich benachrichtigt: Den Sozialpsychiatrischen Dienst (die kennen ihn schon von meinem ersten Versuch, es richtig zu machen, und haben ihn aber nur in dieses Krankenhaus geschafft), die Betreuungsstelle, die Amtsrichterin, den Amtsarzt, die Polizei (wg. dem Auto). Fakt ist: Mein Bruder ist für sich und nun auch für andere im Moment eine Gefahr!

Gestern war ein Kerlchen von der Betreuungsstelle in der Wohnung ( Mein Bruder hatte dem Beamten geöffnet) Er sah, wie er eine Flasche Wodka zur Hälfte austrank "wie Wasser" und sich dann zum Weiterschlafen umdrehte und hörte die deutlichen Worte: „Ich gehe nicht ins Krankenhaus."

Dann rief er mich an und wies mich zurecht: "Ihr Bruder hat ganz klar seinen Willen geäußert. Mein Job ist für heute erledigt." Hat er recht, weiß ich.

O-Ton der Richterin dann am Telefon: "In unserer Demokratie hat jeder das Recht sich tot zu saufen." Nun will man bis Montag warten und ein weiteres Mal – diesmal mit Arzt und Richter – meinen Bruder aufsuchen. Der Einweisungs-Beschluss ist vorbereitet.

Aber bis Montag kann er schon tot sein und ich bin drauf und dran, doch hinzufahren und ihn unter einem wichtigen Vorwand zum Aufmachen zu bringen. (Ich könnte seine Frau erwähnen. Diese hat mich tatsächlich aus Afrika angerufen und erklärt, dass die Firma bereits nach ihm fahndet. Ich soll ihn nun schnellstens nach Afrika verfrachten. Das hat tatsächlich ein Freund neulich fertiggebracht: Mein Bruder reiste gerade hinter der "Formel 1" her, als er in Tokio im Hilton hängen blieb und dort schließlich seine Suite verwüstete. Dieser  Freund flog nach Tokio und schaffte ihn ins Krankenhaus – leider ohne Einzelzimmer – und wollte ihn mit Arztbegleitung über Deutschland mit Arztbesuch nach Afrika zurückbringen. Dummerweise ist dann mein Bruder aber aus dem 6-Bett-Zimmer ausgebüxt und selbständig mit Hilfe von Drogen nach Deutschland geflogen, um dort in seiner Wohnung weiterzusaufen, bis er von meiner Ma "gerettet"  und ins Krankenhaus gebracht wurde.

So. Und was mache ich jetzt? Soll ich wirklich bis Montag warten? Ich weiß natürlich auch, dass er im Entzug durchaus in der Lage ist, sich Nachschub per Taxi kommen zu lassen, entgegenzunehmen und auch zu bezahlen. Er hat es auch schon einmal hinbekommen, in solch einem Zustand den Krankenwagen zu rufen. Aber das hilft ihm ja nicht weiter. Mit dem Arzt dort ist er schon fast per "Du" – nur leider hat dieser Arzt keine Ahnung von Sucht. Würde mein Bruder die Kurve ins Krankenhaus kriegen, würde das doch sein Elend nur verlängern!

Ich könnte natürlich auch mit diesem Arzt reden. Aber hat denn schon jemals ein normaler Nicht-Arzt einem Halbgott in Weiß etwas beibringen können?

Also noch einmal mein Problem: Ein gut betuchter Alki säuft sich zu Tode und ist dabei umgeben von Co-Alkoholikern. Mit einer Frau verheiratet, die ein Alkoholproblem nicht kennt und ihn auch noch nie in einem so erbärmlichen Zustand erlebt hat.

Ich muss jetzt meine Mutter aufrichten, meinen Bruder auf eine geschlossene Station verfrachten – nur hier hat er ausreichend Zeit, wieder zu klaren Gedanken zu kommen und vor allem ein paar vernünftige Gespräche führen zu müssen – seine Firma vertrösten und seine Gattin über etwas informieren, was über ihren Horizont geht.

Weiß denn keiner, was ich tun soll? Ich will in diesen Co-Alkoholischen Clinch nicht hineingezogen werden. Aber ich hatte meinem Bruder einmal ein Versprechen gegeben und bisher immer gehalten..."

Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Fehler gemacht. Aber die Geschichte entwickelte sich weiter und ich schrieb wieder an dieses Forum:

"Ich möchte Euch nur mitteilen, dass sich die Angelegenheit erledigt hat: Meine Ma hat ihren Heiligenschein umgelegt, sich damit Flügel wachsen lassen und ist dann per Taxi zur Wohnung meines Bruders geflogen (sie hat ja einen Schlüssel) Und nach geduldigem Zureden half schließlich der Losungssatz: "Deine Schwester hat bereits alle Schritte eingeleitet." Mein Bruder hat daraufhin natürlich keinen eleganten Hechter aus dem Bett hingelegt. Aber er hat sich brav baden und anziehen lassen und ist ihr gefolgt – angeblich ins Krankenhaus.
Ich werde morgen die Aufgabe haben, die Aktion überall abzublasen und mich – FÜR IMMER! – dort zu verabschieden.

Ich brauche meinem Bruder auch nicht mehr meine Frage zu stellen, falls wir mal Kontakt haben sollten. Ich wollte ihn fragen, was er denn macht, wenn seine Ma nicht mehr ist. Momentan habe ich die Antwort schon alleine gefunden: Wenn das so weitergeht, wird meine Ma ihren Sohn überleben.

Ich für meinen Teil ziehe mich jetzt aus der Geschichte zurück. Die Rolle, die sie mir dort gegeben haben, mag ich nicht mehr ausfüllen. Vielleicht hat ja jemand von Euch noch eine Idee. Dafür wäre ich unendlich dankbar Das Blöde ist nämlich, dass ich meinen "kleinen" Bruder liebe."

Die Reaktion des Forums war dieses Mal eine andere. Ein Mitglied schrieb, ich wolle meiner Mutter doch nur den Heiligenschein abjagen. Darüber habe ich sehr lange nachgedacht. Ohne Ergebnis - womit ich also doch noch eine Frage hätte!

Die Geschichte nahm dann ein schnelles Ende - jedenfalls für mich:

"Ich hatte mich ja an professionelle Helfer gewendet, musste aber heute alles abblasen. Nun hat es meine Mutter natürlich nicht mehr nötig, mich anzurufen, denn sie hat ja jetzt das Heft wieder in der Hand. Stimmt, der Frau kann man nicht mehr helfen – sie berauscht sich an der Abhängigkeit ihres Sohnes (z.B.: und er hat ja sooooo geweint... und mich soooo gedrückt und gesagt "Danke, Mama") Ich glaube auch, wenn ich da weitermache, bin ich wirklich im falschen Film.

Zu meiner Schwägerin: Sie weiß doch um die Alkoholabhängigkeit ihres Mannes, kann aber damit nichts anfangen, weil Moslems in Afrika tatsächlich keinen Alkohol trinken. Es gibt dieses Problem nicht dort (offiziell), also auch keine Informationen. Dennoch hätte sie die Möglichkeit, sich zu informieren – ich habe ihr schon etliche Bücher empfohlen – sie versteht gut deutsch, arbeitet ja auch in einer deutschen Firma. Und sie kann mir nicht erzählen, es gäbe keine Möglichkeit in Afrika Bücher zu bestellen oder übers Internet dran zu kommen.

Seit meine Ma ihre Rettungsaktion beendet hat, meldet sich meine Schwägerin übrigens auch nicht mehr. Kurz, ich bin raus und geh nicht wieder rein. Nur habe ich eben Angst um das Leben meines Bruders. Ich habe ihm einen kuren Brief geschrieben und zwei brutale Fotos mit den Negativen hineingelegt. Dazu ein paar Literaturtips und wichtige Adressen und Telefonnummern. Alles ohne Anrede und Gruß, weil ich auch ziemlich sauer bin. Die Fotos hatte ich vor ca. einem Jahr auf der Intensivstation von ihm gemacht, als meine Ma mal wieder ausgefallen war.

Leider lässt sich die Sache nicht so leicht abschütteln – ich werde weiterhin immer wieder davon eingeholt. Seit meine Mutter nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht, bekomme ich Anrufe von Mitbetroffenen und Freunden. So rief mich Anfang der Woche jener Kumpel an, der meinen Bruder aus dem Hilton in Tokio geholt hatte. Seitdem weiß ich, dass meine Schwägerin mich übel belogen hat, nur damit ich meinen Bruder möglichst rasch nach Afrika verfrachte. Tatsächlich aber hat sie ihn bereits mehrfach dort auf die Intensivstation gebracht! Außerdem ist er dabei, seinen Job zu verlieren. Er hat eine Therapieauflage und sollte dies in Deutschland vorbereiten...

Das alles hat mich derart alarmiert, dass ich x-mal versuchte, den behandelnden Arzt meines Bruders anzurufen. Der aber ließ sich immer verleugnen und rief auch nicht zurück. Schließlich sagte seine Vorzimmerdame zu mir: "Der Herr Chefarzt hat gar nicht das Recht mit Ihnen zu sprechen, wenn es der Patient nicht will."

Nun kenne ich aber die Schweigepflicht etwas anders und will ja gar nichts von dem Ärztchen wissen, im Gegenteil: ich will ihn informieren! Und Informationen nimmt jeder Arzt gern entgegen (Fremdanamnese), auch über Privatpatienten, denen er für jedes Gespräch einen Haufen Geld abnimmt.

Die Dame lenkte dann ein und machte sich Notizen für ihren Chef, aber keine Reaktion. Also habe ich ihm meine Befürchtungen gemailt und gefaxt (hat ja in etwa den Stellenwert eines Einschreibens) Natürlich ohne Reaktion. Ich weiß nur, dass mein Bruder am Freitag entlassen wird, am Sonntag fliegt und spätestens im Flieger wieder betrunken ist.

Wie soll ich da ruhig bleiben und zusehen?

Und später:

Ich muss akzeptieren, dass ich meinem Bruder gegenüber mein Versprechen nicht einlösen kann. Ich kann nicht mehr auf ihn achten und ich kann ihm nicht helfen. Er will das nicht!

Ich muss mich auch damit abfinden, dass er sich zusätzlich in diese verheerende Abhängigkeit von seiner Mutter begibt. Er ist inzwischen wieder in Afrika – bis zum Abflug blieb er bei meiner Mutter, weil er sich selbst nicht mehr traut!

Und meine Mutter hat sich längst wieder von meinen Versuchen, ihn aus seiner Wohnung zu holen, distanziert: "Er wäre ja behandelt worden wie ein Penner! Wie konntest du..."

Also: ich habe meine Rolle in dieser Familie wieder. Aber ich spiele nicht mehr mit – geht über meine Kraft.
Deshalb: "Sicherheitsabstand"!!!

Meine Mutter hatte sich dann nie mehr gemeldet. Als ich am errechneten Abflugtag meines Bruders dann meinerseits anrief, wurde ich von meiner Mutter mit der Nachricht überrumpelt, die Behörden hätten an jenem Montag ihre Aktion im Krankenhaus doch durchgezogen und den armen Bruder regelrecht gejagt (!) Ich hätte also doch nicht wie versprochen alles abgesagt.

Ich beteuerte völlig überrollt von der Wut und dem Hass meiner Mutter, ich habe alles abgeblasen. Es könne nur so sein, dass die Behörden eben das durchgezogen hätten, was an dem Freitag geplant worden war. Aber niemand hatte mich benachrichtigt. Ich kam gar nicht dazu, weiterzureden, denn meine Mutter hatte bereits aufgelegt. Und wie ich von der Schwägerin erfuhr, wollte er wieder einmal mit mir nichts mehr zu tun haben.

Ich muss mir eingestehen, dass ich meine Familie an den Alkohol verloren habe. Und zwar in dem Moment, da ich selber die Spielregeln  der durch den Alkohol diktierten Kommunikation nicht mehr einhielt.

  1. 1.: Ich hatte versucht, einem privilegierten „Privatpatienten“ mit der einzig wirksamen Konsequenz aus der Sucht herauszuhelfen.
  2. 2.: Ich bleibe selber trocken. Diese beiden Rollen sind für mich in dieser Familie nicht vorgesehen. Folglich bin ich nun draußen.

In meinem Buch "Die Alkoholikerin" kann man übrigens noch viel mehr zum Thema lesen.

Antwort von Delia

Wie heißt es so schön: "Freunde kann man sich aussuchen. Eine Familie hat man..."  Aber manchmal sollte man wirklich auf "Sicherheitsabstand" gehen.

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