Co-Abhängig

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Bin ich Co-Abhängig?

Ich habe einen Freund in Bulgarien, 2000km weit weg, wir kennen uns seit 14 Jahren und waren vor 6 Jahren auch kurz zusammen. In dieser Zeit hat er hier in Deutschland gelebt. Er kifft soviel, wie ich´s noch nicht erlebt habe. In der Zeit vor 6 Jahren hier in Deutschland gab es nicht soviel, ich nehme keine Drogen und habe daher auch keine Kontakte. Die Beziehung ist damals eskaliert. Er kam hier nicht zurecht und ist dauernd ausgeflippt, auch Gewalt war im Spiel.

Irgendwann ist er zurück nach Bulgarien. jetzt besuche ich ihn so ein bis zweimal im Jahr. Er hat immer wieder wechselnde Beziehungen zu deutlich jüngeren Mädels. Meist hauen die schnell wieder ab, weil sie mit seiner Persönlichkeit nicht klarkommen, und die ist wirklich sonderbar.

Er ist stark depressiv, aggressiv und überhaupt nicht zu längeren sozialen Kontakten fähig. Meist höre ich monatelang nichts von ihm. Ich melde mich zwischendurch immer wieder mal. Dann wieder will er das ich ihn besuchen komme. Kurz bevor ich da bin, heißt es ich soll wegbleiben. Bleibe ich weg, soll ich kommen?

Tausende von SMS, ich soll ihn bitte besuchen kommen. Er hat ein kleines Haus, sehr weit außerhalb. Dort besucht ihn auch keiner.Bin ich dann da, kifft er umso mehr. Er erzählt und erzählt, von Magie und Energien. Er fragt mich jedoch nie was oder hört mir zu, das passiert nur sehr selten, in klaren Momenten, so will ich es mal ausdrücken. Wenn ich, meist nach ein oder zwei Tagen wieder wegfahre, und ihm sage, er soll sich melden, weil ich noch länger in Bulgarien bleibe, bekomme ich grundsätzlich eine Salve von SMS, er hasse mich, er will mich nie wieder sehen, ect. und dann höre ich lange nichts mehr von ihm.

So geht das spiel seit 6 Jahren. Ich fahre immer wieder hin, weil ich weiß, daß er im Grunde keine Freunde hat. Ich will ihn nicht im Stich lassen. Genauso war es auch jetzt. Mit ein paar Unterschieden:

Erst hat er mir gesagt, er sei in Mazedonien. Einen Tag später hieß es er sei zu Hause. Ich habe ihm nicht geglaubt. Noch einen Tag später hagelte es plötzlich SMS, ich solle ihn bitte besuchen kommen, er sei nackt und wolle mich nackt sehen, bitte, bitte. Gewöhnlich haben wir keinen Sex miteinander, ganz selten gibt es mal ein in den Arm nehmen.

Ich kam an und er sah furchtbar aus. Er ist innerhalb eines Jahres deutlich abgemagert, das Gesicht ist stark eingefallen. In seiner H ütte keinerlei Hinweise, daß er verreist war. Er wirkte weitestgehend ruhig, kein Wunder, ein Joint nach dem anderen. Alkohol habe ich nicht gesehen. Er sagte mir, er müsse am nächsten morgen zum Krankenhaus, er sei ernsthaft krank und wolle nun wirklich sterben. Auf meine Frage, was los sei - wiedermal keine Antwort, wie so oft. Insgesamt wirkte er sehr desolat auf mich, wie jemand, der sich vollkommen aufgegeben hatte.

Er hat sich noch nie Leuten durch Gespräche anvertraut, und auch jetzt mußte ich eher durch Hinweise in etwas verwirrenden Erzählungen versuchen, herauszufinden, was er mir sagen will. Dann ist er mit mir ins Bett. Er wollte mich berühren, mehr zunächst nicht. Dann hat er doch mit mir geschlafen. Ich durfte ihm aber nicht zu nahe kommen, das ganze fand auf Distanz statt, so bekloppt sich das anhört.

Danach ist er aufgesprungen, hat sich geduscht und hat angefangen, Gitarre zu spielen. Er hat nicht mehr mit mir gesprochen. Aber das ist schon öfter vorgekommen, aus heiterem Himmel, auch ohne Sex. Ich bin schlafen gegangen. Am nächsten morgen sagte er mir er sei total betrunken gewesen. Ich glaube das nicht, ich glaube eher an Drogen... auf meine Frage zum Krankenhausbesuch sagte er nichts mehr. Nur, das er Geld für Ärzte bezahle und die sollen dafür Ultraschall und Blutuntersuchung machen. Das nichts ist kann man nicht glauben, wenn man ihn ansieht...

Wir verabschiedeten uns, ja, er würde anrufen. Ich bin dann zu einer Freundin, die ihn auch kennt gefahren. Dort hatte ich mich auch einquartiert. Sie hatte ihn vor einem Jahr zuletzt gesehen, und war furchtbar erschrocken, als sie ein aktuelles Foto von ihm zu sehen bekam. Sie sagte mir dann, daß er vor einem Jahr gesagt hätte, er würde manchmal verschiedene Drogen nehmen und seine Leber sei kaputt... nachmittags habe ich ihn dann eine SMS geschrieben, ob im Krankenhaus alles in Ordnung sei. Darauf kam nur, er würde jetzt ein wundervolles Leben in der Hauptstadt mit seiner neuen Freundin leben und ich solle ihn in Ruhe lassen.

Ich antwortete ihm, daß ich das schön fände, weil so wenigstens jemand auf ihn aufpasse. Doch seine Aussage war mir zu positiv. Da er normalerweise nicht arbeitet, nur gelegentlich, kann er sich keine Wohnung in der Hauptstadt leisten. Seine letzte Freundin, von der ich weiß, lebte in einer Studenten WG. Egal, ich wollte nicht stören, wenn er denn doch glücklich sein würde, auch wenn das für mich ganz und gar nicht so aussah. Als Antwort erhielt ich eine Salve von SMS, er würde seine Freundin lieben, mich würde er hassen, ich sei häßlich, würde stinken und er hätte mich nie leiden können - übelste Beschimpfungen.

Er hat mich schon öfter auf ähnliche Weise zum Teufel geschickt, und ich habe mit den Jahren ein ziemlich dickes Fell gekriegt. Aber diesmal war es deutlich heftiger. Ich habe es ihm nicht mit gleicher M ünze heimgezahlt. Ich habe ihm gesagt, er solle aufhören sich selbst zu hassen und würde nichts auf diese Junkie Attacken geben. Aber ich habe mir große Sorgen gemacht. Ich habe das Gefühl, er beschimpft mich derart und erzählt mir ein Märchen von einem glücklichen Leben in Liebe in der Stadt in der er gerne leben würde, um mir den Abschied leicht zu machen!

Ich habe das Gefühl, er will nicht, daß ich seinen Untergang mitansehe, sondern ihn meinerseits zum Teufel schicke, nach den Gemeinheiten, die er mir um die Ohren haut. ...was natürlich nicht funktioniert. Ich hänge sehr an ihm und würde ihn niemals im Stich lassen, denn ich weiß, wie dieser Mensch mal gewesen ist und das das immer noch irgendwo da ist. Manchmal kommt es auch raus, aber nur sehr selten. Jetzt ist es halt so, das ich ernsthaft in Erwägung ziehe, meinen Job hier zu schmeißen und nach Bulgarien zu gehen. Nicht, weil ich bei ihm wohnen will oder auf eine Liebesbeziehung hoffe. Einfach nur, um in der Nähe zu sein, wenn sonst mal wieder kein Mensch da ist.

Ich würde ihm gern helfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, weiß aber nicht, wie. Zum einen muß was passieren, wenn er seine Gesundheit nicht ganz ruinieren will, was da vermutlich heißt: weg von allen Drogen. Allerdings denke ich hat er auch massive psychische Störungen, die jeden Versuch, vernünftig zu reden im Vorfeld kaputtmachen. Daher meine Idee, einfach nur da zu sein. Kann das was helfen? Oder schadet es ihm eher? Was kann ich tun? Wie schon gesagt, ich hänge sehr an ihm und ich möchte das er lebt. Ich habe keine Ahnung, was ich von dieser ganzen Sache halten soll. Auch weiß ich nicht, wie er gefühlsmäßig zu mir steht. Zum einen bin ich sein Freund, den er berühren möchte und gern hat - zum anderen haßt er mich wie die Pest, und will mich nie Wiedersehen, so wie er sagt. Allerdings kommen auch immer wieder Aussagen wie: geh doch zurück nach Deutschland, leb dort dein totes Leben, ect., leave me alone.

Aussagen, die bei mir den Verdacht aufkommen lassen, er ist irgendwie sauer, weil ich ja doch immer wieder wegfahre, immer wieder ein good-bye, und das er damit im Grunde nicht umgehen kann. Aber er sagt es nicht, er beschimpft halt nur. Was kann das alles bedeuten? Ich habe lange geschrieben, wußte es aber nicht kürzer auszudrücken. Ich wäre sehr froh, wenn mir jemand sagen könnte, was mit ihm los ist und vor allem, was ich tun kann...

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Antwort von Delia

Diese Geschichte ist tatsächlich sehr lang und vor allem nicht mit einer Antwort zu erledigen.

Nur ein paar Behauptungen vorab:

1. hilfst du diesem Mann nicht, wenn du ihn immer wieder besuchst. Ein endgültiger und vor allem konsequenter Kontaktabbruch würde ihn dagegen ein wenig ins Nachdenken bringen.

2. gibst du dir die Antwort auf deine Frage nach seiner Persönlichkeitsstruktur selber, indem du sagst, er sei zu längeren sozialen Kontakten nicht fähig. Stimmt.

3. wird er von sich aus in der Lage sein, professionelle Hilfe aufzusuchen, wenn es ihm schlecht genug geht. Er hat ja bereits Kontakte zum Krankenhaus angesprochen.

Ein paar Fragen an dich:

1. Warum tust du dir das an?

2. Hast du keinen Selbstwert? Warum dienst du diesem - natürlich psychisch kranken - Menschen immer wieder als Fußabtreter?

3. Bist du wirklich so lebensmüde, oder warum willst du deine Zelte zuhause abbrechen (mit allem, was so dazu gehört) und in dieses Land gehen?

Weißt du nicht selbst nach all den Jahren am besten, dass du diesem Mann nicht helfen kannst?
Ist dir nicht längst klar, dass es niemals ein "happy end", also eine reale Liebesbeziehung zwischen euch beiden geben wird?

2. Frage

Zunächst einmal möchte ich mich für Deine Antwort bedanken. Sie hat viel in mir ausgelöst; eine relativ knappe Antwort mit sehr treffenden Sätzen. Und Du hast auch genau die Wortwahl getroffen, die bei mir die richtige Taste drückt... Genau das ist auch der Grund für meine späte Antwort...

Ich bin ein Mensch der es gewohnt ist, die Probleme die mich betreffen, allein mit mir abzumachen. Teils fühle ich mich unverstanden, teils möchte ich auch niemanden groß belasten.
Tja, und jetzt hast Du mich doch gewaltig ins Grübeln gebracht; vor allem: Ich bin praktisch dadurch gezwungen, neben anderen, auch mal mich selbst anzuschauen. Das habe ich bislang eigentlich ein wenig verdrängt... Genauso wie den Auslöser dafür - Deine Antwort...
Im Falle meines Freundes (vielleicht nicht ganz treffendes Wort) weiß ich aber einfach nicht mehr weiter. Deshalb habe ich mich an euch gewandt.

Zu Deinen Fragen:

Warum tue ich mir das selber an? Hast du keinen Selbstwert? Warum dienst du diesem - natürlich psychisch kranken - Menschen immer wieder als Fußabtreter?

Eigentlich relativ einfach. Vor 7 Jahren mochte ich einen Freund ganz gern. Längere Geschichte; ich war nicht mir ihm zusammen, ich mochte ihn nur. Er war einige Jahre verschwunden, tauchte wieder auf, hatte ein Jahr Entzug wegen Heroin hinter sich und brach aufgrund meiner Freundin (mit der hatte er zwischenzeitlich wieder Kontakt aufgenommen - sie haben einen gemeinsamen Sohn) seine Reha nach 2 Monaten ab.
Das mit meiner Freundin klappte nicht. Ein eher depressiver, introvertierter Charakter.
Als Schluß war, bin ich hingefahren, wir haben lange geredet. Einen Tag später meinte mein damaliger Mann, ich solle keine Panik machen und ihn mal einen Tag in Ruhe lassen. Hab ich gemacht. Wiederum einen Tag später machte er nicht auf. Also hab ich die Polizei angerufen. Der Polizist hat die Tür aufgetreten, ich bin rein, und Dieter lag da - ich hatte nicht sofort kapiert, daß er tot ist. Überdosis ergab die spätere Obduktion.
Ich bin damit lange nicht fertig geworden; daß Verständnis meiner Umgebung war nicht gegeben; nicht für mich und auch nicht für Dieter. Es war eine schlimme Zeit.
Ich hatte mich nach dieser Geschichte weitestgehend von den Menschen distanziert.

Naja, und das war Dieter; den mochte ich sehr gern. Meinen bulgarischen Freund liebe ich immer noch.. Er kam 2 Jahre später nach Deutschland; und war auch der Anlaß, mich endgültig von meinem Mann zu trennen. Dazu muß ich sagen, er war ein Freund meines Mannes; über ihn hatten wir uns kennengelernt, schon Jahre vorher; und er war der Einzige, bei dem ich mich verstanden gefühlt habe.
Ich hatte mich nach dieser Geschichte weitestgehend von den Menschen distanziert.

Mein bester Freund war mein Pferd. Auch ihn mußte ich letztes Jahr einschläfern lassen; und habe mir nie verziehen, daß ich nicht bei ihm war, als er starb, weil ich für einen Moment nach Hause gefahren bin, um mich aufzuwärmen... Ich mußte das ok für die Tierärzte am Telefon geben, weil ich nicht wollte, daß er sich quält. Als ich zur Klinik kam, war Deralino schon tot. Netterweise hat man mich solange mit ihm alleingelassen, wie ich wollte.
Mag lächerlich klingen, doch ich habe dieses Pferd über alles geliebt; ich war jeden Tag bei ihm.

Es gab noch ein paar Happenings der gleichen Art; die beschriebenen waren für mich jedoch die schlimmsten. Ich denke, daher kommt es, daß ich mich lieber als Fußabtreter behandeln lasse, als jemanden im Stich zu lassen; schon gar nicht jemanden, den ich liebe. Das ist mein Schwachpunkt; in allen anderen Bereichen bin ich doch eher verstandesbetont ;o)

Bist du wirklich so lebensmüde, oder warum willst du deine Zelte zuhause abbrechen (mit allem, was so dazu gehört) und in dieses Land gehen?

Das hat mich wirklich getroffen. Und ich habe lange nachgedacht; ja, und ich muß Dir recht geben. Lebensmüde; das trifft es wohl. Ich bin nicht selbstmordgefährdet, so daß ich gleich von der nächsten Brücke springen würde; aber Müde, das trifft es wohl sehr gut. Außer meinem bulgarischen Freund ist mir nichts so richtig wichtig. Klar, ich habe viele Hobbies; habe meinen Job und auch Leute um mich herum. Aber das interessiert mich alles nicht so wirklich; besonders nicht die Menschen.

Mein Hobby, die Fotografie vielleicht. Ich, meine Kamera und mein Auto ;o)

Leider interessiere ich mich auch zuwenig für mich selbst. Ich rauche zuviel (Zigaretten) und vermutlich trinke ich auch zuviel. Kümmere mich nicht so recht um meine eigene Gesundheit; ist mir im Grunde egal. Was gibt´s schon aufregendes zu verlieren? Aufgefallen ist mir, daß ich eigentlich gar nicht mehr lachen kann; und dabei vor anderen grundsätzlich eine Maske trage - gut gelaunt, zu Späßen bereit, vielleicht wirke ich ein wenig überdreht dabei. Aber - was soll´s? Geht die ja nichts an, was wirklich ist.

Ich treffe ab und an Leute; besonders von den alten Bekannten; aber eigentlich bin ich überwiegend alleine; selbstgewählt. Auch habe ich seit 5 Jahren keine Beziehung mehr gehabt; zwei Versuche in der Zeit; aber wieder nur die reinsten Enttäuschungen. Vor 3 Jahren hab ich dann komplett dicht gemacht. Ich sehe die Männer gar nicht mehr an; interessiert mich nicht mehr.
Bulgarien kenne ich jetzt seit 20 Jahren; sehr gut. Ich fühle mich dort wie hier; mit dem Unterschied, daß die Natur schöner ist, das mein Freund dort wohnt und dieses Land auf mich eine ganz eigene Magie ausübt. Ja, ich mag dieses Land. Die Leute? So wie hier; vielleicht fühle ich mich ein bißchen besser verstanden, kommt aber vielleicht auch daher, weil ich immer nur so 2-3x pro Jahr für 1-2 Wochen hinfahre, weiß ich nicht. Da erscheint einem natürlich vieles in anderem Licht...

3.Weißt du nicht selbst nach all den Jahren am besten, dass du diesem Mann nicht helfen kannst?
Ist dir nicht längst klar, dass es niemals ein "happy end", also eine reale Liebesbeziehung zwischen euch beiden geben wird?


Das mit dem Helfen hab ich ja schon erklärt. Ich will ihn nicht im Stich lassen, und würde wirklich alles geben, was ihm helfen könnte. Liebesbeziehung? ;o) Natürlich (!) weiß ich das. DEN Versuch habe ich mit ihm ja bereits hinter mir. Und ich kann ernsthaft von mir behaupten: Ich will das er glücklich und gesund wird; mehr nicht.

Ich will und kann keine Liebesbeziehung erzwingen; ich will niemanden "besitzen", von niemandem Liebe einfordern, die er nicht für mich empfinden kann. Ich will ihn nicht zu etwas "herumkriegen" was er nicht bereit ist zu geben. Ich habe mich einfach damit abgefunden, daß es so ist wie es ist; ich liebe ihn einfach, auch wenn´s mir nicht paßt (ich habe sooft versucht mich von meinen Gefühlen für ihn frei zu machen - erfolglos). Und jetzt habe ich diese Gefühle in mir einfach akzeptiert - auch wenn´s nicht auf Gegenliebe stößt... Mich dagegen wehren hat einfach gar nichts gebracht.

Daher: Ich weiß ganz genau, daß dies nie zu einer realen Liebesbeziehung führen wird - das ist auch nicht meine Motivation.

Ich will, daß er glücklich ist.

Zu meinem Freund:

1. hilfst du diesem Mann nicht, wenn du ihn immer wieder besuchst. Ein endgültiger und vor allem konsequenter Kontaktabbruch würde ihn dagegen ein wenig ins Nachdenken bringen.

...Hab ich versucht. Versuche ich gerade wieder. Das Problem dabei: Nach 13 Jahren weiß ich halbwegs, wie seine Uhren ticken. Er ist so stur, unglaublich. Er tut oft genau das Gegenteil von dem, was man ihm sagt. Sogar von dem, was er selber sagt. Manchmal aber auch nicht.
Er hat selbst so viele Enttäuschungen hinter sich; klar, viel ist hausgemacht. Er sagt "Geh" - um dann in Tränen auszubrechen "Laß mich nicht allein". Er kann nicht "normal" über Gefühle sprechen; am wenigsten über seine. Immer muß er "Stark" sein... um dann vollends zusammenzubrechen. Er schlägt seine Freundinnen (ja, ich war nicht die einzige) - danach mußte man aufpassen, daß er sich deswegen nicht gleich selbst was antut. Hat er seine Kifferei nicht, dreht er völlig durch.

Bei einem unserer Streite war sein Bruder anwesend. Ich fragte ihn, was soll ich tun? -Er hielt mir mit aller Ernsthaftigkeit einen fertigen Joint hin - hier, gib ihm das, daß ist die einzige Medizin, die hilft.

Ins Nachdenken bringen kann also bedeuten: Totaler Drogenrausch um es nicht zu müssen, Aggressivität gegen sich oder andere, totale Verzweiflung oder alles wird dicht gemacht und keiner kommt mehr an ihn ran. Aber niemals würde er sich oder anderen eine Schwäche eingestehen, auch wenn sie noch so offensichtlich ist. Das bekommt man nur in sehr wenigen kurzen Augenblicken zu sehen. Ich nenne das dann immer "klare Momente".

Er spricht mir mir als wären wir die besten Freunde, er nimmt mich in den Arm, wird "schwach", um sich eine halbe Stunde später nicht mehr zu melden oder einfach nicht mehr mit mir zu sprechen. Ich habe einmal einen ganzen Abend ohne ein Wort mit ihm verbracht. Er ging durchs Zimmer, ignorierte mich völlig und sagte zu sich selbst "I am alone! Wow - I´m always alone"; lacht dabei, spielt Gitarre, raucht einen Joint nach dem anderen (man kann dort des Nachts nicht einfach so weg; schon gar nicht nach einem oder zwei Bier).

Selbst am nächsten Morgen; kaum ein Wort. Stehe ich auf und will gehen - Why do you hurry? Lets drink one more coffee.

Dabei - wieder nur Ignorieren. Als ich dann aufstand um endgültig zu gehen (ich mußte zurück nach Deutschland) war er damit beschäftigt, einen Wasserschlauch aufzurollen. Ich sagte: Ok, I have to go now. -Nichts. Ich sagte, ok, good-bye, have a nice day. Nichts. Er schaute nichtmal von seiner Tätigkeit auf als ich ging. Aber er sah traurig aus.

Danach hatte ich wiedermal lange nichts gehört. Das bewegt mich wiederum, viele SMS zu schicken. Natürlich meist ohne Antwort.

So ist es dann meistens mit ihm... Und ich weiß nicht, was ich machen soll.

Ich weiß nicht, will er daß ich da bleibe (als Freund) oder will er, das ich komplett aus seinem Leben verschwinde.

Auch findet er Gründe, um mich dann doch wieder zu sehen. Kannst Du mr Motorradteile lackieren? Schwer zu findende, Oldtimerteile. Davon habe ich ein paar mitgenommen, im August. Da es nicht vollständig ist, kann ich nicht lackieren.
Jetzt sagt er mir Fuck off, never see you again. Ich habe ihm gesagt, ok, wenn Du das nicht willst - was mache ich mit den Teilen? Ok - ich kann sie verkaufen.
Keine Reaktion. Sein Motorrad ist ihm sehr wichtig; die Teile wie gesagt schwer zu bekommen - ist es ihm egal dafür?? Und das ist auch etwas, was meine Sorge um ihn schürt...

Auch gibt es viele andere sonderbare Merkmale. Im August hatte er einen Grashüpfer gefangen; in einem Glas ohne Luftlöcher. Er stand da einfach auf dem Tisch herum. Einen Tag später habe ich ihn dann freigelassen.

Eine kleine Katze. Er nimmt sie auf den Arm und zwingt sie, ganz ruhig sitzenzu bleiben. Nein, er tut ihr nicht weh, aber er nimmt sie so unter die Arme, daß sie sich nicht rühren oder weglaufen kann. Ich sagte ihm, er solle die Katze doch laufen lassen. Nein, sie hat zu lernen...

2. gibst du dir die Antwort auf deine Frage nach seiner Persönlichkeitsstruktur selber, indem du sagst, er sei zu längeren sozialen Kontakten nicht fähig. Stimmt.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen - außer, daß ich weiß, daß er diese Kontakte im Grunde ja will. Aber er wird mit seinem unsozialen Verhalten, was für den normalen Mitmenschen schwer zu verstehen ist, immer wieder alleine sein, sich unverstanden und enttäuscht fühlen.

Man kann ihm aber auch nichts sagen; er hört gar nicht hin. Irgendwann bin ich dann dazu übergegangen, ihm Mails zu schreiben; die kann er lesen und im stillen Kämmerlein drüber nachdenken. Ob er sie jedoch überhaupt liest, weiß ich nicht...

3. wird er von sich aus in der Lage sein, professionelle Hilfe aufzusuchen, wenn es ihm schlecht genug geht. Er hat ja bereits Kontakte zum Krankenhaus angesprochen.

Dieser Satz hat mir Hoffnung gemacht oder mich in meinen Gedanken bestärkt. Die Wohnung ist nicht supergepflegt - aber es ist nicht unordentlich. Wichtige Termine mit dem Sozialamt oder Arbeiten hat er (zumindest bislang) immer noch wahrgenommen. Er sieht ein wenig verwahrlost aus - aber er duscht. Und ja, er scheint zum Arzt zu gehen...

Allerdings habe ich die Befürchtung, daß man was Schlimmeres festgestellt hat, und er sich damit dann völlig aufgeben könnte...

Ich werde es nicht erfahren; seit über einer Woche habe ich nichts mehr von ihm gehört. Manchmal schicke ich SMS mit Empfangsbestätigung. Daran sehe ich, daß er noch da ist...

Zuguterletzt habe ich sogar meinen Ex-Mann (mit dem ich gar keinen Kontakt mehr pflege) gebeten, mal bei ihm anzurufen. Seit unserer Trennung hat er kein Wort mehr mit seinem alten Freund gesprochen... Darunter hatte mein Freund auch sehr gelitten; das hat er so natürlich nie zugegeben, aber man kann es seinen Worten entnehmen. Sie kennen sich seit der Kindheit, und ich habe gedacht, daß das vielleicht was bringen könnte. Leider glaube ich nicht, daß mein Ex-Mann das tun wird...

Nur sieht mein Freund sowas von schlecht aus, daß ich einfach fürchte, daß es diesmal ernst ist.

Ja, wieder viel geschrieben, aber ich weiß nicht, wie ich´s anders rüberbringen soll.Vielleicht magst Du mir ja Deine Einschätzung dazu mitteilen; insbesondere zu dem, was mit ihm los sein könnte.

2. Antwort von Delia

Liebe Petra!

Irgendwie finde ich keinen Anfang. Ich sehe den Mann deutlich vor mir, mit dem du seit Jahren auf diese bizarre Art und Weise zu tun hast. Und ich kenne seine Persönlichkeitsstörung sehr gut.
Nur: Was würde es bringen, wenn ich dir mein Wissen um die Ohren haue? Ich glaube, du würdest "dicht" machen und dich abwenden.

Auch kann ich dein Verhalten ganz gut nachempfinden: Jede Kränkung, die er dir zufügt, spornt dich an, dich noch intensiver um ihn zu kümmern. Du bist wie eine Botschafterin der Liebe, die niemals aufgibt. Um mit der Bibel zu sprechen: "Wenn dir jemand auf die eine Backe haut, dann halte ihm auch die andere Backe hin."

Das traurige an dieser Geschichte ist aber, dass der Adressat deiner Liebe dich schamlos und gnadenlos ausnutzt. Er tut nicht mehr, er tut aber auch nicht weniger.

Das weißt du genau, aber du gibst nicht auf. Falsch: Du hast dich selbst bereits aufgegeben, so scheint es. Ihn aber willst du retten.

Wie du bereits erzählt hast, hast du schon Erfahrungen mit Drogen und vergeblichen Hilfe-Versuchen deinerseits gemacht.
Ich drücke es mal ganz krass aus: Inzwischen bist du unter anderem co-abhängig:
Das heißt nichts weiter, als dass du auf deine Sorge um die Drogenabhängigkeit und Hilfebedürftigkeit dieses Mannes angewiesen bist, wie er auf seine Drogen. Wäre er von heute auf morgen clean, würde dir ein wichtiger Bestandteil in deinem Leben wegbrechen: Die wichtige Aufgabe, zu helfen, der du dich ja mit Leib und Leben verschrieben hast. Möglicherweise würdest du mit ihm als einem gesunden und glücklichen Mann überhaupt nicht mehr zurecht kommen.

Das heißt: Die Abhängigkeit dieses Mannes ist im Moment Voraussetzung dafür, dass du eine wichtige Rolle in diesem Leben spielst. Ihr zwei seid also auf der "Sucht"- Ebene zutiefst miteinander verwoben, oder besser: verstrickt.

Ein Beispel:

Eine Ehefrau lebt mit einem Alkoholiker zusammen. Der säuft täglich und verprügelt sie ebenso oft. Sie aber deckt ihn nach außen (indem sie ihn z.B. bei seiner Firma "krank" meldet), schminkt sich die blauen Flecken weg und tut alles, um das Eheleben einigermaßen normal erscheinen zu lassen.

Gleichzeitig versucht sie zu helfen: Sie bietet ihm die Begleitung in die Suchtberatungsstelle an. Sie kippt seinen Schnaps weg. Sie holt ihm aber auch neuen Schnaps, wenn der Entzug zu stark wird. Sie beteuert ihre Liebe. Sie droht mit Trennung, geht aber nicht weg. usw. ...

Und sie übernimmt im Haushalt, im Umgang mit den Kindern, aber auch den Behörden nach und nach alle Aufgaben, die eigentlich die seinen waren.

Warum sollte dieser Mann denn mit dem Saufen aufhören?

Und wenn er aufhörte: Was wäre dann? Mit besoffenem Ehemann war die Frau wichtig für das Überleben der gesamten Familie. Von Verwandten und Freunden wurde sie bewundert ("Wie schafft sie das bloß?"). Nun kommt der aber "trocken" aus einer Therapie zurück und fordert seine Aufgaben ein, die einmal auf seinen Schultern lagen.

Er hat ein neues Selbstwertgefühl. Und er benimmt sich völlig anders. Er ist nicht mehr schuldbewußt.
Für die Frau ist das je nach Intensität des Problems entweder eine Katastrophe, oder zumindest eine riesige Veränderung, mit der sie erst einmal klar kommen muß.
Oft gehen Ehen erst dann auseinander, wenn der abhängige Partner sich professionell hat helfen lassen.
Deshalb gibt es heute keine Selbsthilfegruppe und keine Klinik mehr, die die Angehörigen nicht in die Behandlung miteinbezieht.

Die Veränderungen, die mit einer Entwöhnung von einem Suchtmittel einhergehen, sind so groß,dass die betroffenen Angehörigen einfach nicht mithalten können. Sie brauchen selbst eine Behandlung, und zwar möglichst zeitgleich.

Würde also dein "Fall" sein Leben vollkommen in den Griff bekommen, wäre dies mit enormen Veränderungen verbunden - möglicherweise würdest du ihn gar nicht wiedererkennen.

Und es ist einfach ungeheuer wichtig, dass sich ein Abhängiger professionelle Hilfe holt, Hilfe also von Leuten, die emotional eben nicht mit ihm verbandelt sind.

Du solltest dir die Frage stellen, was an Anziehunskraft übrig bliebe, wäre dieser Mann plötzlich völlig gesund, unabhängig von jeglichen Drogen und möglicherweise auf dem besten Weg, sich einen vernünftigen Freundeskreis aufzubauen mit der Chance, eine andere Frau kennen und lieben zu lernen.

Nun gut, so weit sind wir noch nicht.
Fakt ist zunächst mal, dass dieser Mann in Bulgarien ein ungesundes Leben führt und täglich Haschisch raucht. Fakt ist aber auch, dass er sich nicht helfen lassen will, von dir schon gar nicht. Warum auch? Es geht ihm doch gut? Und wenn er einen Moralischen hat, braucht er nur eine Jammer-SMS abzusetzen, und schon bist du bei ihm! Wenn er keinen Bock mehr auf deine Gesellschaft hat, schmeißt er dich eben einfach raus! Du kommst ja eh wieder zu ihm zurück!

Warum zum Teufel soll dieser Mann sich professionelle Hilfe holen?

Und du? Was ist mit dir? Wie fühlst du dich damit?

Das zu erfahren, wäre ungeheuer wichtig für mich. Ich vermute, du hast sehr viele Kränkungen in deinem Leben erfahren, bevor du diesen Mann kennengelernt hast.
Was ist passiert, dass du dich derart hast aufgeben können?
LG Delia

[Aus diesem Kontakt ist eine längere Beratungsbeziehung entstanden...Ob wir die Fotsetzung online stellen hängt von Petra ab. Setzen Sie ein Lesezeichen/Favoriten auf diese Seite und besuchen Sie diese Rubrik zu einem späteren Zeitpunkt wieder]

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