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Wie kann ich helfen - Co-Abhängigkeit
von Affenbrotbaum
Ich habe vor kurzem mein Studium beendet (Soziale Arbeit) und arbeite jetzt im Bereich Benachteiligten-Förderung (Lehrlingsbetreuung). Einer der Lehrlinge war von Beginn des Lehrjahres an sehr auffällig, hatte große Schwierigkeiten sich in die Regeln von Schule und Ausbildung einzufinden, manchmal war er pünktlich manchmal nicht, er war motorisch sehr unruhig und provozierte sehr häufig.
Zusätzlich bestand eine medizinisch gesicherte ADHS-Diagnose. Schnell äußerten vor allem die Lehrer aus der Schule die Vermutung, dass er Dogen nimmt. Ich habe ihn mehrfach auf dieses Thema angesprochen und er hat es immer geleugnet. In den Einzelgesprächen konnte er sich gut konzentrieren, war sehr gesprächsbereit und erzählte mir viel aus seiner Vergangenheit.
Früher hatte er Kontakte zur Szene, war auch fest darin eingebunden aber damit sei jetzt Schluss (schon seit einer ganzen Weile; er hatte einen längeren stationären Aufenthalt in einer Klinik, danach berufliche + medizinische Reha)! Ich habe ihm immer geglaubt, vielleicht auch weil ich ihm glauben wollte.
Wir mussten ihn jetzt kündigen, was ihn sehr getroffen hat, denn die Lehre war das einzige, was ihm Halt gegeben hat. Am Tag der Kündigung sagte er mir dann auch gleich, dass er jetzt wieder in die Szene zurückrutscht und wieder kriminell wird, um seine Wohnung bezahlen zu können.
Ich habe natürlich versucht ihn davon abzubringen und ihm Hilfe bei den entsprechenden Anträgen angeboten. Nachdem die anderen Lehrlinge erfahren hatten, dass er geht, haben sie mir erzählt, dass er die ganze Zeit über Drogen (Koks, XTC, Speed, Crystal, z.T. Hasch) konsumiert hat, wegen Drogen mehrfach vorbestraft ist und dass seine Eltern Bescheid wissen und ihn decken (seine Mutter habe ich bei einem Elterngespräch offen auf die Vermutung der Lehrer angesprochen, sie konnte das gar nicht verstehen, ihr Sohn hätte noch nie etwas mit Drogen zu tun gehabt).
Sie wollten ihn nicht verraten und haben deswegen den Mund gehalten. Natürlich war ich erst einmal vor den Kopf gestoßen und auch ziemlich enttäuscht. Doch jetzt im Nachhinein ist vieles in seinem Verhalten ganz logisch.
Es gibt nur ein großes Problem: zum einen mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht gemerkt habe was wirklich los ist und zum zweiten hat der entsprechende Lehrling eine Möglichkeit gefunden, meine private Handynummer herauszufinden. Über diese Nummer hat er mich jetzt zweimal kontaktiert.
Ich weiß jetzt sicher, dass er wieder richtig in der Szene drin steckt und auch, dass er wieder kriminell ist (falls er jemals nicht kriminell war). Wir haben jedes Mal sehr lange und intensive telefonische Gespräche geführt. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich weiß, dass er mich belogen hat, dass er konsumiert und nicht clean ist. Und dass er so niemals eine Lehre beenden wird und auch kein "normales" Leben führen kann, dass er professionelle Hilfe braucht und eine Langzeittherapie machen soll.
Aus irgendeinem Grund hat er zu mir so großes Vertrauen aufgebaut, dass er mir erzählte, dass er schon mal eine Therapie angefangen hat und einfach abgehauen ist, dass er Angst vor der Therapie hat (besonders vor dem Ende, wenn er wieder heimkommt und auf seine alten Leute treffen könnte bzw. wenn er woanders ganz von vorn und ohne Bekannte auskommen muss) und dass seine früheren Mitlehrlinge (und ich) die einzigen Leute sind, zu denen er Kontakt hat, die nichts mit der Drogenszene zu tun haben.
Eigentlich will er aus der Szene raus aber er will auch seine Wohnung behalten, die muss bezahlt werden und bis die Anträge bearbeitet sind, muss ja irgendwie Geld reinkommen.
Ich weiß, dass er krank ist und wahrscheinlich wieder lügt aber ich habe den Eindruck, dass er über den Kontakt zu mir versucht, doch noch irgendwie rauszukommen. Warum erzählt er mir sonst, dass er sich Stoff geliehen hat um ihn zu verkaufen, dass er weiß, dass das kriminell und sch... ist aber dass er momentan keinen anderen Ausweg sehen kann?
Er weiß im Moment nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll, hat früh keinen Grund mehr aufzustehen. Das alles könnte mir doch eigentlich total egal sein, er müsste doch Angst haben, dass ich ihn bei der Polizei oder sonstwo verpfeife! Warum meldet er sich bei mir, wenn er keine Hilfe will?
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich meinem Arbeitgeber erzählen soll, dass auf privater Ebene noch Kontakt zu diesem Lehrling besteht. Immerhin bin ich noch in der Probezeit und habe etwas Angst davor, was passiert wenn mein Arbeitgeber das erfährt.
Antwort von Friederike
Lieber Affenbrotbaum,
Sie haben mir sehr ausführlich über Ihre verzwickte Lage geschrieben. Sie befinden sich mitten drin in der Spirale der Co-Abhängigkeit.
Der ehemalige Lehrling funktionalisiert Sie und überträgt Ihnen die Verantwortung für sein Leben, indem er Ihnen immer wieder die Dinge erzählt, die in seinem Leben schief laufen, statt sich professionelle Hilfe zu suchen oder auch nur einen einzigen Ihrer Ratschläge umzusetzen!
Sie werden ihm nicht helfen können, so lange er sich nicht von Fachkräften gegen seine Sucht behandeln läßt!
Dass Sie privaten Kontakt zu ihm als ehemaligen Schützling haben ist höchst grenzwertig! Sie sollten sich besser aus diesem Kontakt rausziehen, bevor Ihr Arbeitgeber davon etwas mitbekommt! Das könnte ein Kündigungsgrund sein!
Machen Sie dem ehemaligen Lehrling klar, dass er sich Hilfe in einer Suchtberatungsstelle suchen sollte, wenn er sein Leben in den Griff bekommen möchte.
Bei aller Nächstenliebe und Fürsorglichkeit: Sie sind für ihn nicht zuständig! Ihr (professioneller) Job ist nach seiner Entlassung beendet!
Grenzen Sie sich ab und sorgen gut für sich selber!
Mit freundlichen Grüßen
Friederike Sohn
Dipl.-Pädagogin

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